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| Der neue Ton
Schröders Politik-Pop und konservative
Kopflosigkeit
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| »Die Masse tobt, die Blitzlichter zucken.«
Dieser Satz ist altbekannt. Sein Schöpfer ist ein alternder Journalist
eines Massenblattes, der sich zufällig zu Beginn der 90er auf einen
Rave verirrt hatte. Damit begann der kommerzielle Siegeszug elektronischer
Tanzmusik. Um möglichst »in« zu wirken, kopierten Zeitschriften
von Bravo bis Bild diese paar Wörter.
Und heute, am Ende des Jahrzehnts? Vier Tage nach der Wahl taucht der Satz in einem Porträt des Hamburger Magazins Die Woche über Gerhard Schröder wieder auf. Der designierte Kanzler tritt noch am Wahlabend vor die Öffentlichkeit- und Tom Schimmeck schreibt: »Die Masse tobt, die Blitzlichter zucken.« |
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| Zufall? Wieder ein eher einfallsloser Journalist? - Nicht
unbedingt, Kanzler und Techno - der Niedersachse hat beides zusammengeführt.
Popstar Schröder machte den Wahlkampf zur gekonnten Inszenierung.
Inhalte waren keineswegs unwichtig. Sie waren die Bretter, auf denen das
Bühnenspiel »Jagd auf die Wähler« stattfand. Deutschland
braucht Arbeitsplätze - dieser Ausage stimmen Politik, Wirtschaft,
auch »der einfache Mann von der Straße« ohne weiteres
zu, es herrscht selbst ein parteiübergreifender Konsens. Diese Einigkeit
macht die Erkenntnis banal, wenig attraktiv. Spannender ist es dagegen,
innovative Technologien, global player und Multimedia-Agenturen für
den Standort Deutschland zu fordern, damit die »neue Mitte«
nicht die alte Sorge Arbeitslosigkeit plagt. Die Begriffe sind neu, die
Probleme nicht.
So macht auch Sinn, daß der neue Kanzler »vieles besser, aber nicht alles anders machen will«. Die deutschen Wähler waren des Koloß’ Kohl überdrüssig geworden. Das »pfälzische Gesamtkunstwerk«- so Joschka Fischer 1984 über den Rekordkanzler - erweckte das Bild der fleischgewordenen Blockade in Deutschland. Ein neues Gesicht mußte an die Spitze Deutschlands, Gerhard Schröder konnte den Wechsel ohne Wandel am besten verkörpern. Er schaffte es, sämtliche modernen Schlagworte auf sich zu beziehen. Nirgendwo besser als im Umgang mit dem Medien zeigte sich der Unterschied zwischen dem dynamischen Schröder und dem ungelenken Kohl. Der Rekordkanzler wirkte zwischen den Kameras immer etwas deplaziert. Er mißtraute der Hamburger Presse, dem Spiegel gab er sowieso schon lange keine Interviews mehr. Und wenn er zu einem Gespräch bereit war, dann um mit Alfred Biolek Kochrezepte auszutauschen oder sich von Hofberichterstatter Mertens bei Sat 1 den Bauch pinseln zu lassen. Sein Interview im SZ-Magazin kam eine Woche vor der Wahl viel zu spät, um in der Medienöffentlichkeit noch Pluspunkte zu sammeln. Dieses Spiel beherrscht der Kontrahent aus Hannover virtuos. Kaum laufen die Kameras, zieht sich ein breites Grinsen über Schröders Gesicht. Journalisten bezeichnet der sechste Kanzler als »Freunde«, auch wenn diese ihn im Pulk beinahe zerquetschen. So brauchte sich vor der Wahl keine Zeitschrift Sorgen zu machen, ein Interview bekam jede - auch wenn diese inhaltlich nicht wirklich variierten. Mit der neuen Regierungsmannschaft läßt sich in Deutschland auf höchster Ebene ein Wandel des politischen Stils beobachten. Die ganze Stimmung wirkt lockerer, entspannter. Minister dürfen und sollen seit Herbst ’98 eine eigene Meinung haben. Der Kanzler gibt nicht mehr vor, was sie denken und sagen dürfen. Kritik gilt nicht mehr, wie unter Kohl, als Angriff auf die eigene Person und Macht, sondern als Beitrag zu einem gemeinsamen Projekt. Schon an Kleidung und Auftreten der neuen Regierung zeigt sich der Wandel. Die Anzüge sind modischer und sitzen besser. Trittin fühlt sich auch bei offiziellen Anlässen ohne Krawatte wohl. Sein Parteifreund Joschka Fischer ist der erste Minister, der in keinster Weise mehr an das Bild des häßlichen Deutschen erinnert. Die Zeit der Quoten-Mauerblümchen à la Merkel und Nolte ist vorbei. Frauen wie Herta Däubler-Gmelin und Kerstin Müller beweisen, daß aggressive und lautstarke Politik keine Frage des Geschlechts ist. Auch die Spezies der schattenhaften Politiker-Ehefrau ist seit der Wahl bedroht. Die Partnerinnen des Triumvirats Schröder, Lafontaine, Fischer geben sich in ihrer öffentlichen Funktion nicht mehr als brave Spendensammlerinnen und als »Frau an seiner Seite« zufrieden. Auch vor den Kameras erheben sie ihre Stimme zu politischen Themen, so wie Christa Müller Ende Oktober in der Debatte um die fernöstliche Finanzkrise. »Darf sie denn das?«, eine Frage die sich dann aller Orts stellte und geschlossen von der konservativen Seite mit »Nein« beantwortet wurde. Eine selbstbewußte Power(ehe-)frau widerspricht zu sehr dem Familienideal des Patriachats der ‘christlichen Parteien’. Die etablierte Rechte muß seit der Wahl einen Angriff auf sämtliche ihrer »christlich-abendländischen« Werte fürchten. Die Diskussion um den Doppelpaß erschüttert auch die gefestigte Vorstellung, wie ein »echter« Deutscher auszusehen hat. Und da paßt ein dunkelhäutiger Dönerverkäufer aus der Sicht der letzten Hüter des nationalen Grals, Stoiber und Schäuble, nicht ins Bild, auch wenn er Deutschlands beliebtestes Fast-Food in orginal schwäbischer Mundart anpreist. Die Feinde des deutschen Anstands lauern in konservativen Augen überall. Wer nun wen mehr verändert hat, bleibt dahingestellt, aber die ‘68er’ sind nach dem Marsch durch die Institutionen angekommen. Ehemalige RAF-Verteidiger, Sponti-Ikonen und Anti-AKW-Aktivisten machen deutsche Politik, offiziell und auf höchster Ebene. In ihrem Gepäck befindet sich noch genug Stoff für gesellschaftliche Grabenkämpfe: Freigabe weicher Drogen; gleichgeschlechtliche Ehe, alternative Energien… Wie kopflos CDU/CSU mit diesen personellen wie sachlichen
Veränderungen umgehen, haben sie bereits mehrfach bewiesen. Noch vor
der Wahl, als Anfang September der Ex-Terrorist Hans-Joachim Klein verhaftet
wurde, versuchten sie, Joschka Fischer als unverbesserlichen Linksradikalen
zu entlarven. Die Kampagne verlief im Sande, weil ihr Konzept doch zu offensichtlich
war: Der »letzte Versuch«, das Ruder im Wahlkampf noch umzureißen.
Die Schranken zu einer emotionalisierten Debatte waren aber damit schon
gefallen.
Daniel Poelchau
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