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| Subpolitik als Metapolitik |
| Dieser Aufsatz ist ein kurzer Auszug aus der Dissertation
unseres Redakteurs Anil K. Jain. Die komplette Arbeit kann im Internet
abgerufen werden unter:
http:// www.geocities.com/Athens/Forum/9665/ |
Rhizum/Wurzelstock |
| Subpolitik ist allgegenwärtig und doch ungreifbar,
entzieht sich dem »systematischen« Zugriff. Sie ist untergründige
Realität und ortlose Utopie. Sie ist diffus und »nomadisch«,
in ihren Formen vielgestaltig und verspielt, und doch zuweilen von einem
»tödlichen« Ernst geprägt. Subpolitik, das ist der
individuelle Entschluß, lieber auf den kollektiven Fetisch »Auto«
zu ver-zichten, wie der neotribalistische Protest gegen »Atomtransporte«.
Sie findet auf öffentlichen Plätzen, genauso aber in den Räumen des Privaten statt. Ihr konnektives, »rhizomatisches« Netzwerk (siehe unten) schafft horizontale Querverbindungen und durchdringt die gesamte soziale Sphäre. Sie ist der Ausdruck und die Stimme des Verdrängten, Unbewußten, kehrt es hervor und gibt ihm Raum. Sie ist die Stimme der Vielheit gegen die Vereinheitlichung. Subpolitik ist haltlos und entgrenzt. Sie ist subversiv und anarchisch, und sie ist so umfassend wie singulär. In ihrer Entgrenzung breitet sie sich bis hinein in das hierarchische System der institutionellen Politik aus, hinterfragt es und schränkt seine Handlungsmöglichkeiten ein. Sie ist das andere der Politik und zugleich eine andere Politik. In ihrer »Andersheit« ist Subpolitik immer
auch von sich selbst verschieden; sie ist unberechenbar, greift »beliebige«
Themen auf und taucht »unvermittelt« aus ihrem (Lebens-)Untergrund
auf der (Medien-)Oberfläche der (politischen) Öffentlichkeit
auf. Ihr Netz entspricht einem mikro-politischen »Rhizom«.
Ein »Rhizom« (1976) ist nach Gilles Deleuze und Félix
Guattari durch die Prinzipen der Konnexion, der Heterogenität und
der Vielheit geprägt (vgl. S. 11ff.). »Im Unterschied zu den
Bäumen und ihren Wurzeln verbindet das [subjekt- und objektlose] Rhizom
einen beliebigen Punkt mit einem anderen […] Es ist weder das Viele, das
vom Einen abgeleitet wird, noch jenes Viele, zu dem das Eine hinzugefügt
wird […] Es besteht nicht aus Einheiten, sondern aus Dimensionen.«
(Ebd.; S. 34)
Lyotard kommt mit dieser »Vision« eines peripheren
Patchworks der Minderheiten sehr nahe an das Konzept der Subpolitik heran,
so wie es von Ulrich Beck im Kontext seiner Theorie reflexiver Modernisierung
geprägt wurde: Dieser bemerkt (auf Rousseaus Unterscheidung Bezug
nehmend-), daß es in der Moderne – nicht nur theoretisch, sondern
auch institutionell-praktisch – zu einer Trennung zwischen politischem
Citoyen und dem »homo oeconomicus« des Bourgeois gekommen ist
(vgl. Risiko-gesell-schaft; S. 301). Jene (funk-tionale) Trennung bewirkte
zum einen eine »Fixierung auf das politische System als exklusives
Zentrum der Politik« (ebd. S. 307), der aber andererseits aktuell
ein gravierender Bedeutungsverlust des Parlaments (als seinem institutionellen
Kern) entgegensteht.
Subpolitik ist also der Ausdruck einer Entmachtung der
institutionellen Politik, aber auch einer reflexiven Demokratisierung,
einer neuen »alltagspraktischen« politischen Kultur des Zweifels
auf der Grundlage der risikobewußten Aktivierung der Bürger,
wobei deren kritische Hinterfragungen der Grundlagen des Systems notwendig
sind, um mit dem Risikopotential der (post-)industriellen Gesellschaft
fertig werden zu können (vgl. ebd.; S. 317ff. sowie Das Zeitalter
der Neben-folgen und die Politisierung der Moderne; S. 69ff.). Es kommt
damit in der reflexiven Moderne nach Beck keineswegs zu einer Entpolitisierung,
sondern vielmehr zu einer »Renaissance der Politik« (1994)
bzw. zu einer neuen »Erfindung des Politischen« (1993).
Gemäß Giddens ist dagegen selbst in der Gesellschaft der reflexiven Moderne (insofern sie fähig ist, die Individuen einzubinden) ein Moment des (zweifellosen) Vertrauens vorhanden: Dieses Moment des Vertrauens äußert sich z.B. darin, daß man, ohne über potentielle Risiken zu reflektieren, allmorgendlich in die U-Bahn steigt oder sich darauf verläßt, daß eine Über-weisung »ankommt«. Ohne solches Vertrauen, das einerseits auf dem in der Kindheit erwor-benen »Urvertrauen« aufbaut (vgl. Erikson: Identität und Lebenszyklus; S. 62ff. sowie Winnicott: Reifungs-prozesse und fördernde Umwelt; S. 62ff.) und andererseits durch die alltäglichen Routinen eine Verankerung im »praktischen Bewußtsein« findet, könnten auch die abstrakten Systeme der Moderne nicht bestehen. Vertrauen ist zwar heute weniger selbstverständlich als in der Vergangenheit, muß aber trotzdem gegeben sein (bzw. hergestellt werden). Ein totaler und beständiger Zweifel am Funktionieren der ab-strakten Systeme (sowohl der Expertensysteme wie der symbolischen Tauschmittel) würde die Grundlagen der Ordnung der Moderne sprengen, was für Giddens fatal wäre. (vgl. Consequences of Modernity; S. 79–111 sowie Modernity and Self-Identity: S. 35–47 und S. 133ff.) Die von ihm ausgemachte neue lebens(weltliche) Politik der reflexiven Moderne ist deshalb weniger »radikal« in ihrer Systemhinterfragung als Becks Konzept der Subpolitik. Trotzdem ist sie »metapolitisch«, indem sie – aus dem Bewußtsein der individuellen Gefährdungen und Dilemmata heraus – globale Fragen aufgreift und damit die (national fixierte) insti-tutionelle Politik transzendiert. Die Risiken und Freiheiten der entfalteten Moderne erzeugen nämlich »schicksalhafte Momente« (fateful moments), in denen Entscheidungen getroffen werden müssen, die weitreichende persönliche (und soziale) Konsequenzen haben. In diesen schicksal-haften Momenten wird das Selbst sich seiner und seiner sozialen Verantwortung bewußt, in-dem es auf die eigene Entscheidungskompetenz verwiesen ist und die Risiken und Chancen seiner Entscheidungen abwägen muß (vgl. ebd.; S. 112ff.). Genau diese ambivalente Verwiesenheit des Selbst auf sich selbst erzeugt das neuartige Phänomen der »life politics«. Unter Rekurs auf Theodore Roszak, der von einer subversiven politischen Kraft des Persönlichen spricht (vgl. Person/Planet; S. XXVIII), betont auch Giddens dabei den subversiven Charakter der lebens(weltlichen) Politik – wobei für ihn jedoch deren reflexives Selbst-Projekt nicht schon an sich subversiv ist. Subversiv sind vielmehr die aktuellen Transformationen des Sozialen, die von ihr nur gespiegelt werden: also die soziale Entbettung durch abstrakte Systeme oder Globalisierungsprozesse etc. (vgl. Modernity and Self-Identity; S. 209). Unter dem Einfluß dieser weitreichenden Ver-änderungen im Gefüge der (Hoch-)Moderne wird auch der individuelle Lebensstil und sogar der Umgang mit dem (eigenen) Körper zu einer (hoch) politischen Frage (vgl. ebd.; S. 214–220). Deshalb hat lebens(weltliche) Politik automatisch eine globale Dimension, und moralische Fragen, die in der Konzentration auf die ökonomisch-technische Entfaltung vorübergehend verdeckt wurden, gewinnen wieder an Brisanz (vgl. ebd.; 220–231). Diese neue Brisanz von (globalen) moralischen Fragen läßt sich beispielsweise an der Verfassungsdebatte anläßlich der deutschen Wiedervereinigung ablesen, wo (angeregt durch die Ökologiebewegung) die letztendlich sogar durchgesetzte Forderung nach der Festschreibung eines Staatsziels »Umweltschutz« erhoben wurde – eine Staatszielbestimmung, die für Bernd Guggenberger angesichts der globalen ökologischen Gefährdung mehr als berechtigt ist, denn »die Welt ist, erstmals, als ganze gefährdet […] Wollen wir sie bewahren, müssen wir sie als ganze bewahren. Zur Ökologie gibt es ebensowenig Alternativen wie zur Globalität.« Deshalb muß das »Denken [wie die Praxis] über die Gegenwart hinaus; und […] über den Staat hinaus« (Globalität und Zukunft; S. 27). Mit dieser Feststellung, die Guggenberger mit der Forderung nach einer weiteren, sowohl ökologisch-lebensweltlichen wie weltgemeinschaftlichen »Aufstockung« des Verfassungsstaats verbindet, knüpft er an Gedanken an, die er zusammen mit Claus Offe schon Mitte der 80er Jahre (also etwa zeitgleich zu Becks »Risiko-gesellschaft«) entwickelt hat: Im Bewußtsein der Gefährdungsdimension der Umweltproblematik steht die klassische Mehrheitsdemokratie an ihrer Grenze und eine neue »Politik aus der Basis« entdeckt – nachdem Frieden, Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit zumindest auf der formalen Ebene des demokratischen Rechts- und Wohlfahrtsstaates -weitgehend verwirklicht wurden – die Umwelt- und Lebensrechte wieder (vgl. dort S. 14) Auch die empirische Politikforschung muß angesichts
der bereits erfolgten Transformation der Politik durch die subpolitische
Herausforderung und aufgrund der allgemeinen Wand-lungsprozesse des Sozialen
lernen, mit neuen (ambivalenten) Kategorien zu »rechnen«. Claus
Leggewie etwa spricht von »Fuzzy Politics« (1994) und stellt
fest: »Ethnisch-kulturelle Fraktale […] überlagern die Flächendimension
politischer Einheiten; an ihrer Stelle gewinnen ›immaterielle‹ Demarkationslinien
an Bedeutung, die sich auf ›unsichtbare‹, aber nicht weniger reale Grenzen
beziehen.« (S. 124)
Die vorpolitische »Masse« verharrt schließlich
(noch) zumeist schweigend und passiv. Weiterhin ist zu vermuten, daß
sich in subpolitischen Netzen rasch informelle Machtstrukturen etablieren,
die nur undurchschaubarer sind als jene im »System«, nicht
aber weniger ausgeprägt. Und schließlich bot die in der Bewegung
der Moderne herausgebildete Trennung zwischen dem Bereich der Öffentlichkeit
und dem Privaten auch einen Schutz der Lebenswelt vor Eingriffen des »Systems«.
Dieser trennende Schutzwall um das Private wurde bereits durch das Ausgreifen
des interventionistischen Wohl-fahrtsstaats durchlöchert. Durch die
totale Politisierung der metapolitischen Subpolitik wird er ganz eingerissen.
Die Privaträume werden also »veröffentlicht«, und
selbst das »eigenste« des eigenen Lebens gerät unter subpolitisch-lebenspolitische
Rechtfertigungszwänge. Der gewichtigste Einwand gegen Subpolitik ist
jedoch ihre Tendenz sich Detailfragen zu verzetteln und den übergreifenden
Rahmen des sozialen und politische Systems aus dem Blickfeld zu verlieren.
In diesem Sinn wäre die metapolitische Sub-Politik auch Nicht-Politik.
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