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| Der Wandel der Solidarität |
| Globalisierung und Individualisierung, Internet und
Single-Haushalte - in der post-industriellen Gesellschaft scheint Solidarität
zu verschwinden. Oder äußert sie sich nur in neuen Formen? Ein
Plädoyer für eine Zukunft der Solidarität.
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| Es gibt viele Gründe für den Einzelnen, solidarisch
zu handeln. Meist sind ethische Motive Auslöser für Solidarität.
Diese Motive sind nicht nur anerzogen, sie gehören zum Zusammenleben
der Menschen. Ein gesellschaftliches Miteinander ist ohne sie nicht möglich.
Im Grundgesetz verdeutlicht sich das am Gleichheitsgrundsatz aus Artikel
3 und der gesellschaftlichen Einbindung des Eigentums: »Eigentum
verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen.«
(Artikel 14, Absatz 2).
Die Basis für die Umsetzung der Gleichheit und des Rechts auf freie Entfaltung ist Solidarität. Solidarität bedeutet eine Verpflichtung zum Füreinander-Einstehen, wobei sich diese Verpflichtung auf das Verhältnis zwischen Personen, zwischen Gemeinschaften, wie auch zwischen Personen und Gemeinschaften beziehen kann. Überträgt man nun den Solidaritätsgedanken auf die Arbeitswelt, sind alle am Arbeitsleben partizipierenden Gruppen gemeint: Arbeitgeber, Gewerkschaften und Arbeitnehmer als Gemeinschaften, aber auch der Vorstandsvorsitzende, Unternehmer, Aktieninhaber und der einzelne Arbeiter- sie alle sind in der Pflicht, sich solidarisch zu verhalten. Denn Solidarität soll, wie Emil Durkheim zum Schlüsselbegriff des solidarischen Gesellschaftskonzeptes hervorhob, den Mittelweg zwischen liberalen Individualismus und sozialistischen Kollektivismus ebnen. Bis in die siebziger Jahre war dieses Solidarprinizip in der deutschen Gesellschaft fest verankert und wurde fast ausnahmslos von der Gesamtheit getragen. Dies war im Wesentlichen durch den Wohlfahrtsstaat möglich, der im Grundsatz darauf beruht, daß sich alle Bürger am sozialen Netz beteiligen. Doch die ersten wirtschaftlichen Probleme und der damit verbundene Anstieg der Arbeitslosigkeit stellten dieses System immer mehr in Frage. Gleichzeitig änderte sich in der Bevölkerung das Anspruchsverhalten. So fiel von 1978 bis 1983 der Anteil der Bevölkerung, welcher staatliche Leistungen »auf keinen Fall« eingeschränkt sehen will, von 73% auf 44%. Der Staat solle weniger Einfluß auf das Leben seiner Bürger nehmen, so die Forderung der Kritiker des Wohlfahrtsstaats, da grundlegende gesellschaftliche Werte einem entscheidenden Wandel unterworfen seien. Die Werte haben sich von materialistischen - wie der Daseinssicherung und Wohlstandserhaltung - zu postmaterialistischen wie Selbstverwirklichungs- und Partizipationsmotiven verändert. Elisabeth Noelle-Neumann ging in ihrer Kritik soweit, daß sie behauptete, daß die Leistungs- und Arbeitsmoral gesunken sei, im Gegenzug dazu eine Freizeit- und Hedonismusorientierung stattgefunden habe. Schuld daran sei vornehmlich eine negative Medienberichterstattung über Arbeit im Allgemeinen, einhergehend mit einer Veränderung der Erziehung in Schule und Elternhaus. Diese Position berücksichtigt jedoch nicht, daß die Arbeitswelt selbst sich in den letzten zwanzig Jahren geändert hat. So relativierte sich, durch ökonomische Ressourcen und faktisch mehr »freier Zeit«, die Balance zwischen Arbeit und Freizeit dahingehend, daß Freizeit nicht mehr ein »Gegenwert« der Arbeit ist, sondern gleichrangige Bedeutung erlangt hat. Infolgedessen hat eine Verschiebung von klassischen Lebensmustern hin zu individualisierteren Lebensläufen stattgefunden. Aber Individualität und solidarisches Handeln schließen sich nicht aus, sie sind aufeinander bezogen. Die Gleichsetzung von Individualisierung mit Egozentriertheit und Vereinsamung wäre falsch. Eine Reihe aktueller Studien belegt, daß sich Bürger, auch in Großstädten, immer noch sozial engagieren. Wichtig ist, daß das soziale Handeln in die individuelle Planung und Gestaltung des eigenen Lebens eingebettet wird. Der Charakter der sozialen Handlung ändert sich. Die Individualisierung verändert den Typus sozialer Bindungen, sie setzt das aktive Subjekt voraus; dadurch ergeben sich neue Freiräume für den Einzelnen. War bis vor einigen Jahren solidarisches Handeln gesellschaftlich normiert, bestimmt heute das Gefühl, etwas freiwillig und vor allem etwas für sich selbst zu tun, solidarisches Handeln. Freiwillig deswegen, da es dem Einzelnen wichtig ist, sein Engagement selbst bestimmen und beeinflussen zu können, ohne daß eine staatliche oder kirchliche Institution über einem stehen muß. Zu diesem Ergebnis kam die Studie »Wege zur Bürgergesellschaft« des Soziologen Jörg Ueltzhötter. Es gibt schon heute sehr viele Bürgergruppen, die sich unabhängig gegründet haben. An ihnen ist besonders, daß sich die Einzelnen nicht in eine Gemeinschaft einfügen mußten, sondern ihre eigene Gemeinschaft kreiert haben. Diese sozialen Netze werden zunehmend wichtiger, denn durch die Veränderungen im Arbeitsleben und -markt und dem gleichzeitigen Anstieg an Arbeitslosen bekommen solche Gemeinschaften identitätstiftende Bedeutung. Sie geben dem Bürger Anerkennung und das Gefühl, in die Gesellschaft eingebunden zu sein. Zudem entsprechen sie dem Solidargedanken, dem Füreinander-Einstehen und der Bereitschaft, sich als Einzelner auch einer Gemeinschaft zu verpflichten. Diese neuen Formen von sozialen Netzen können aber auch zu einer Teilung der Gesellschaft führen. Denn die Schaffung eigener Gemeinschaften fördert eine Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen der Gesellschaft - Unterstützung findet nur noch, wer zu solch einer Gemeinschaft gehört. Damit wird wiederum Ungleichheit gefördert. Dem Staat obliegt deshalb die schwierige Aufgabe, auf der einen Seite neue soziale Netze zu fördern und anzuerkennen, da sie ihren Mitgliedern Identität bieten; andererseits all die Bürger zu unterstützen, denen keine Gemeinschaft Halt bietet. Karnik Gregorian
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