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| »Die Gräber sind noch halb-leer.
Helft uns, sie zu füllen!« Genozid in Ruanda
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| Kinder stechen ihren Freunden die Augen aus. Langjährige
Nachbarn schlachten sich gegenseitig ab. Männer und Frauen verwandeln
sich über Nacht zu kaltblütigen Mördern. Straßen sind
übersät mit auf Pfählen gespießten Köpfen und
toten Babys.
Im April 1994 wurde die »Weltgemeinschaft« Zeugin eines unfaßbar grausamen Völkermords. Ruanda, ein Staat, von dem die Weltöffentlichkeit bis dahin kaum Notiz genommen hatte, erlangte traurige Berühmtheit. Trotz umfassender Medienberichterstattung fiel es Außenstehenden schwer, die komplexen Vorgänge zu durchschauen - Versuch einer Analyse. |
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| Die »internationale Gemeinschaft« zeigte
sich hinsichtlich der ruandischen Ereignisse ratlos und unfähig zu
angemessenen Reaktionen. Obwohl der Bürgerkrieg bereits im Oktober
1990 begonnen hatte, wurden erst 1993 Blauhelme in der Region stationiert.
Als die Lage nach dem Abschuß des Flugzeugs des ruandischen Präsidenten
Habyarimanas eskalierte und der Genozid seinen Lauf nahm, wurde die Zahl
der ausländischen Soldaten eklatanterweise von 2000 auf 270 reduziert.
Diesen Beschluß nahm der Sicherheitsrat zwar kurz darauf zurück,
jedoch dauerte es vier Monate bis eine 5500 Mann starke Truppe entsandt
werden konnte - zu spät, für hunderttausende von Menschen. Auch
die inzwischen von der französischen Regierung durchgeführte
Operation Türkis konnte keine Befriedung erreichen. Darüber hinaus
wurde sie von verschiedensten Seiten aufgrund zweifelhafter Ambitionen
Frankreichs heftig kritisiert.
Die Nachbarländer waren mit der über sie hereinbrechenden Flut an Flüchtlingen vollkommen überfordert. Die OAU (Organisation for African Unity) bemühte sich zwar um diplomatische Lösungen und konnte mehrere Friedensverträge zwischen den Kriegsparteien aushandeln. Da es ihr aber an Struktur und finanziellen Mitteln fehlte, konnte sie ohne Unterstützung westlicher »Großmächte« keine Durchsetzung der Beschlüsse erzielen. Für die offensichtliche Lähmung der internationalen Gemeinschaft gibt es eine Vielzahl an Gründen: Zum einen war sie Folge der schlechten Organisation der UNO, insbesondere in der präventiven Konfliktregulierung. Zum anderen zogen die Krisen auf dem Balkan und im Irak die internationale Aufmerksamkeit auf sich. Die Probleme des wirtschaftlich uninteressanten Ruandas erschienen vergleichbar unbedeutend. Der entscheidende Faktor für die schwache Reaktion in Ruanda war jedoch die mißglückte Intervention in Somalia 1992/93. Sie festigte die Überzeugung, daß ein Eingreifen in „jahrhundertealte Stammeskämpfe“ afrikanischer Völker keine Lösung bringen könne. Dieses, die eigene Untätigkeit rechtfertigende Argument, läßt den ruandischen Konflikt jedoch in einem falschen Licht erscheinen. Zwar gibt es selbst in der wissenschaftlichen Literatur divergierende Auffassungen über die wahren Ursachen und Hintergründe des Genozids. Fest steht jedoch, daß es sich nicht, wie angenommen, um einen ethnischen Konflikt handelt – zumindest nicht im ursprünglichen bzw. »westlichen« Sinne. Aufgrund fehlender geschichtlicher Aufzeichnungen aus der vorkolonialen Zeit gibt es nur ungenaue Kenntnisse über die Herkunft von Hutus und Tutsis und die damaligen Gesellschaftsstrukturen in der Region. Die erste Kolonialmacht Deutschland traf Ende des 19. Jahrhunderts auf eine »politisch und sozial hochorganisierte Gesellschaft« (Schürings, VN 4/1994). Daß der König sich selbst und den Vieh besitzenden »Adel« als »Tutsis«, die Ackerbauern hingegen als »Hutus« bezeichnete, verführte die von ihren »neuartigen« Rassenideologien befangenen Europäer zu einem folgenreichen Trugschluß: Die kleinwüchsigen, dunkelhäutigeren Hutus seien eine den groß gewachsenen, hellhäutigeren Tutsis unterlegene Ethnie. Sie übersahen dabei, daß beide die gleiche Sprache und Kultur teilten. Darüber hinaus war die Zurechnung zu einer Gruppe keineswegs durch Geburt vorbestimmt: Verlor ein Tutsi seinen Viehbestand und verarmte, so wurde er zum Hutu; Umgekehrt wurde ein Hutu durch Vermehrung seines Reichtums zum Tutsi. Auch durch Einheirat fand eine Änderung der »Gruppenzugehörigkeit« statt. Zwischen Hutus und Tutsis hat eine Art Klientelbeziehung bestanden, die von manchen Wissenschaftlern als ausbeuterisch, von anderen als emotionale Bindung charakterisiert wird. Mit den Bezeichnungen Hutu und Tutsi war also kein »ethnischer Sachverhalt, sondern (...) ein Grad der Vornehmheit« gemeint (so Mehler, Blätter für deutsche und internationale Politik, Bd39, Nr.8, 1994). Die Deutschen Kolonialherren und, ab dem ersten Weltkrieg auch die zweite Kolonialmacht Belgien, privilegierten jedoch die Tutsis, diskriminierten die Hutus und verstärkten durch verschiedene Änderungen des traditionellen Gesellschaftssystems (z.B. einer Verwaltungsreform nach europäischen Maßstäben) die soziale und politische Ungerechtigkeit. Obwohl Hutus bis heute ca. 85% der Bevölkerung Ruandas ausmachen, verloren sie im Laufe der Jahre kontinuierlich ihre Rechte. Hutus und Tutsis entfernten sich immer stärker voneinander, die soziale Spaltung der Gesellschaft wurde »ethnifiziert«. Gegen diese Mißstände bildete sich Mitte der 50er Jahre eine breite Hutu-Opposition, die 1959 in einer blutigen Revolution das Minderheitsregime der Tutsis stürzte. Auf eben dieses Jahr läßt sich der Beginn der vermeintlichen »jahrhundertealten« Feindseligkeiten zwischen Hutus und Tutsis datieren (vgl. Mehler, a.a.O.). Die Revolutionstruppen massakrierten zahlreiche Tutsis und ihnen loyale Hutus. Tausende flüchteten in die umliegenden Länder, vor allem nach Uganda und Zaire. Obwohl sie in den folgenden Jahrzehnten die Forderung nach Rückkehr in ihr Stammland aufrechterhielten und oft auch mit Gewalt durchzusetzen versuchten, blieben die ruandischen Hutu-Regierungen abweisend. Mitte der 80er Jahre stellten die Nachfahren der Exiltutsis mit Hilfe der ugandischen Regierung die Front Patriotique Rwandaise, FPR auf. Diese Armee fiel im Oktober 1990 in Ruanda ein. Der Zeitpunkt war gut gewählt, da Hutu-Präsident Habyarimana mit enormen innenpolitischen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte. Obwohl seine Regierungstruppen gut ausgerüstet waren, gelang es der FPR, immer weiter ins Landesinnere vorzudringen. Dabei ermordeten sie viele Hutus und trieben hunderttausende in die Flucht. Gleichzeitig startete die Regierung Habyarimanas, die während ihrer gesamten Amtszeit die Ethnifizierung der Feindschaft zwischen Hutus und Tutsis durch die Kolonialmächte unter anderen Vorzeichen fortgesetzt hatte, eine enorme Propagandkampange: Die „ethnische Zugehörigkeit“ wurde in den Pässen vermerkt. Das Volk wurde zum Kampf gegen die Tutsis aufgehetzt (siehe Titel), Waffen verteilt und Milizen ausgebildet. Landknappheit und Nahrungsmangel erleichterten die Manipulation der Bevölkerung. Es kam zu Ausschreitungen gegen die Tutsi-Bevölkerung. Am 6 April 1994 kommt es nach dem Tod Habyarimanas zur Eskalation. Die Präsidentengarde beginnt mit Hilfe speziell ausgebildeter Jugendmilizen zahlreiche Tutsis und Mitglieder ehemaliger Oppositionsparteien zu ermorden. In den folgenden Wochen schnellt die Zahl der Massaker in die Höhe, die gesamte Bevölkerung scheint in einen Blutrausch zu versinken. Die Folgen sind weitgehend bekannt. Opferzahlen schwanken zwischen 800.000 und 1,7 Millionen, über 4 Millionen Menschen sind geflüchtet. Rund zwei Drittel der gesamten Tutsi-Bevölkerung Ruandas wurden umgebracht. Die FPR konnte das entstandene Chaos nutzen, um ihren Siegeszug fortzusetzen. Im Juli 1994 erklärte sie einen einseitigen Waffenstillstand und setzte eine neue Regierung unter Beteiligung der Hutus ein. Dennoch bleibt bis heute eine Dominanz der FPR offensichtlich. Trotz versprochener Demokratisierung ist die politische Sicherheitslage weiterhin äußerst instabil. Über 120.000 Menschen sind unter unmenschlichen Bedingungen inhaftiert worden, darunter viele Kinder. Am Völkermord Beteiligte werden ungeachtet des von der UNO gebildeten Internationalen Strafgerichts für Ruanda oft ohne ordentliche Gerichtsverfahren hingerichtet. Die Rückkehr unzähliger Flüchtlinge ist noch immer nicht gewährleistet. 1997/98 kam es immer wieder zu Massakern von Hutu-Rebellen an der Zivilbevölkerung, vornehmlich an der Tutsi-Minderheit. Das Beispiel Ruandas zeigt die Besonderheit der Konflikte auf dem »schwarzen Kontinent«. Die Zivilbevölkerung wird von verschiedensten Machtgruppen mittels Festigung ethnischer Vorurteile instrumentalisiert und »aktiviert«. Ob in Ruanda, Burundi, in Angola oder im Sudan - die Zivilisten werden dazu angestachelt, Auseinandersetzungen machthungriger Führer unter sich auszutragen. Für internationale Hilfskräfte, ob private Hilfsorganisationen oder UNO-Blauhelme, ist es deshalb äußerst schwierig, die kriegsführenden »Parteien« auseinander- und anschließend an einem gemeinsamen Verhandlungstisch wieder zusammen zu bringen. Politische Lösungen und Einführungen westlicher Demokratie bedürfen insbesondere in Afrika einer genauen Überprüfung der jeweiligen traditionellen Gesellschaftsstrukturen. Der Völkermord, der sich zwischen April und Juli 1994 in Ruanda abgespielte hätte jedoch durch frühzeitiges Eingreifen der internationalen Gemeinschaft verhindert, oder zumindest abgeschwächt werden können. Die bereits im Vorfeld erkennbare Absicht der Regierung Habyarimanas, das Volk der Tutsis zu liquidieren, wurde übergangen. Warnungen von Hilfsorganisationen, vereinzelten ruandischen Politikern und UN-Beobachtern über einen bevorstehenden Genozid verschwanden in den Schubladen der internationalen Bürokratie. Waffenlieferungen wurden nicht eingestellt. Die Uno-Missionen waren mit unzureichender Mandate ausgestattet. Diese Vorgänge sind angesichts des Ausmaßes des Völkermordes ebenso unverständlich wie unverzeihlich. Die Völkergemeinschaft, insbesondere die UNO, ist nun gefordert, neue Mechanismen zu entwickeln, um auf die seit dem Ende des Ost-West-Konflikts in Afrika aufbrechenden Spannungen schneller reagieren zu können. Eine vielfach geforderte Reform der UNO scheint hierbei unerläßlich. Auch europäische Passivität ist nicht länger zu rechtfertigen, da die willkürlichen Grenzziehungen europäischer Kolonialmächte und ihre Herrschaftspraxis maßgeblich zur Entwicklung afrikanischer Konflikte beigetragen haben. Die europäische Gemeinschaft ist aufgefordert, Mitverantwortung zu tragen und aktiv Hilfestellung zu leisten. Nicht zuletzt müssen die afrikanischen Staaten endlich ein neues Konzept erstellen, z.B. durch eine Reform der OAU, um eine frühzeitige Konfliktregulierung, aber auch das notfalls militärische Eingreifen in eskalierende Auseinandersetzungen gewährleisten zu können. Bis zu dem Tag, an dem alle Afrikaner in Frieden zusammenleben können, ist es ein langer, beschwerlicher Weg - für alle Beteiligten, weltweit. Kerstin Petretto
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