Die deutsche Presse nimmt immer wieder eine klare Gegenposition
in der Frage der Unabhängigkeit Québecs und zur PQ ein. Sie
bezeichnet diese mit dem in Deutschland negativ behafteten Ausdruck »Nationalisten«
und versucht, sie in die rechtsextreme Ecke zu drängen. Einem flüchtigen
westeuropäischen Betrachter mag dies so auch erscheinen. Bei Betrachtung
des historischen Hintergrundes bedarf es jedoch starker Korrekturen.
Kanada, mit fast zehn Millionen Quadratkilometern Fläche
zweitgrößtes Land der Erde, hat nur ca. 30 Mio. Einwohner. Kulturell
läßt sich dieses Land grob in vier Gebiete teilen: Im polarischen
Norden siedeln Eskimos, die seit neuesten auch ihre eigene Provinz Nunavut
besitzen; der Westen des Landes, der erst ab 1850 erschlossen wurde, gleicht
sehr stark dem südlichen Nachbarn, den USA; die Zentralprovinz Ontario
und die anglophonen Atlantikprovinzen, wie Neubraunschweig oder Neuschottland,
sind auch heute noch sehr britisch geprägt; schließlich die
Provinz Québec, die 7,3 Mio. Einwohner beherbergt, wovon über
80% frankophon sind.
Außerhalb Quebecs existieren im restlichen Kanada
noch kleinere frankophone Minderheiten. Insgesamt haben etwa 23% der Bevölkerung
Kanadas französisch zur Muttersprache, der Rest ist größtenteils
anglophon. Die 6,9 Mio. französischsprachigen Kanadier stellen demnach
auf dem gesamten nordamerikanischen Kontinent eine kleine Minderheit dar,
die es über Jahrhunderte hinweg geschafft hat, ihre eigene Kultur,
die sich sehr stark vom restlichen Nordamerika unterscheidet, gegenüber
der anglo-amerikanischen Übermacht zu bewahren. Seit den 60er Jahren
des 20. Jahrhunderts bildete sich bei den Franko-Kanadiern der Provinz
Québec, den Québécois, immer stärker der Wunsch
nach staatlicher Unabhängigkeit, um dem als unerträglich empfundenen
kulturellen Druck der Anglo-Kanadier zu entgehen. Ausgangspunkt war die
sogenannte révolution tranquille in Québec während der
50er und 60er Jahren, in der der Einfluß der katholischen Kirche
stark zurückgedrängt und das öffentliche Leben säkularisiert
wurde. Die neuen, politisch linksmotivierten Strömungen besannen sich
implizit auf ihre frankophone Kultur, die sie durch das anglo-amerikanische
Großkapital von der Gefahr des Aussterbens bedroht sahen.
1965 verlieh eine Kommission der kanadischen Bundesregierung
diesen Ängsten Nachdruck, indem sie feststellte, daß die frankophonen
Québécois im Durchschnitt 35% weniger verdienten als ihre
anglophonen Mitbürger; und daß sie ihre frankophone Kultur aufgeben
mußten, um sozial aufzusteigen. International fanden die Souveränisten,
wie sie sich selbst bezeichnen, erstmals Zusprache, als 1967 der französische
Staatspräsident Charles de Gaulle einer begeisterten Menge vom Balkon
des Rathauses in Montréal »Vive Montréal, vive le Québec
libre!« zurief und damit zum großen Ärger der kanadischen
Zentralregierung in Ottawa den souveränistischen Slogan aufgriff.
1968 vereinte René Lévesque die verschiedenen
souveränistischen Strömungen in der PQ. Seine Hauptforderung
war eine Souveraineté-Association mit Kanada. Dieses bis heute unveränderte
Ziel fordert, unter Berufung auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker,
einen souveränen Staat Québec, allerdings unter Beibehaltung
der Wirtschaftseinheit und Verteidigungsgemeinschaft mit dem restlichen
Kanada. Radikalere Forderungen wurden bis heute in der Öffentlichkeit
nicht lauter. Zum Glück der Fürsprecher der kanadischen Einheit
war zur damaligen Zeit in der Person des liberalen Pierre Elliot Trudeau
ein Québécois kanadischer Ministerpräsident. Er glaubte
an die friedliche Koexistenz von Franko- und Anglo-Kanadiern und bekämpfte
energisch die separatistischen Tendenzen. Trudeau kam den Souveränisten
aber insofern entgegen, daß er 1969 das Französische neben dem
Englischen zur gleichberechtigten Staatssprache für ganz Kanada erhob.
Wirklich zufriedenstellen konnte dieser Schritt die Québécois
allerdings nicht. Vor allem der Zuzug neuer Einwanderer, die sich bis heute
fast alle in und um Montréal niederlassen, war und ist ein großes
Problem, da die Immigranten dazu neigen, für die anglo-kanadische
Kultur und Sprache zu optieren. Die Angst der Québécois,
in ihrem eigenen Land in die Minderheit zu geraten, führte dazu, daß
die sich seit 1976 in Québec an der Macht befindliche PQ schon bald
das heftig umstrittene Loi 101 verabschiedete, welches Französisch
zur einzigen offiziellen Sprache in der Provinz Québec machte.
Dieses Gesetz, 1989 ergänzt durch das Loi 178, ist
bis ein beliebtes Argument, den PQ in die Nähe des Faschismus zu rücken.
Allein die Tatsache aber, daß die Partei eher aus der politisch linken
»Ecke« stammt und heutzutage eine heterogene Sammelbewegung
ist, lassen dieses Argument zur reinen Polemik werden. Darüberhinaus
haben, mit Ausnahme Neubraunschweigs, alle anglophonen kanadischen Provinzen
trotz frankophoner Minderheiten auch nur Englisch als Verwaltungssprache.
Für einen neutralen europäischen Beobachter
treiben diese Sprachgesetze in Québec allerdings extreme Blüten:
So wurde beispielsweise die ehemalige University Street im zweisprachigen
Montréal/Montreal in Rue University umbenannt; die Fast-Food-Kette
KFC (Kentucky Fried Chicken) heißt bei gleichgestaltetem Logo in
Québec PFK (Poulet Frit de Kentucky); laut Gesetz dürfen alle
öffentlichen Werbungen nur in Französisch angeschlagen werden;
die Kinder neuer Immigranten werden verpflichtet, eine französischsprachige
Schule zu besuchen.
Auch wenn all dies sehr radikal erscheint, so muß
man die Situation der Québécois verstehen, da sie in Nordamerika
ohne Rückendeckung aus dem Ausland ihren Kampf gegen die erdrückende
anglophone Übermacht führen müssen. Fakt ist, daß
die Sprachgesetze zumindest mittelfristig das Überleben der frankophonen
Kultur in Nordamerika sichergestellt haben. Überdies belegen neueste
Statistiken, daß die Situation der indianischen Sprachen in Québec
im Gegensatz zum anglophonen Kanada weitaus besser ist, auch weil das Französische
als Schutzschild gegen die überragende Bedeutung des Englischen dient.
Bei seinem Ziel der staatlichen Unabhängigkeit Québecs
erhielt René Lévesque und seine PQ 1980 jedoch eine herbe
Schlappe, als sich in einem Referendum nur 40% der Québécois
für die Souveraineté-Association aussprachen. Mitte der 80er
Jahre gelang die PLQ unter Ministerpräsident Robert Bourassa wieder
an die Macht. Auch er wollte die Probleme Québecs innerhalb der
kanadischen Union lösen. Wie schwierig das aber ist, zeigte sich 1987
während der Gespräche am Lac Meech und 1992 in Charlottetown:
Die anglophonen Provinzen verwehrten Québec das Recht, sich als
société distincte zu bezeichnen und erkannten damit Québecs
kulturelle Eigenheit nicht an.
Bei den Vehandlungen trat das Identitätsproblem
auch des anglophonen Kanadas zu Tage: Da die Bindungen zum ehemaligen britischen
Mutterland immer schwächer werden, stellen sich viele die Frage, was
Kanada noch von den USA unterscheide. Daher versucht man, die kanadische
Gesellschaft nicht als melting pot zu bezeichnen, sondern spricht von einer
»Mosaik-Kultur«, in der alle Einwanderer ihre eigentliche Kultur
behalten dürfen, wodurch, gemäß den anglophonen Kanadiern,
eine Bezeichnung von Québéc als société distincte
überflüssig wäre.
Die Treffen von Lac Meech und Charlottetown führten
folglich zu keiner Einigung. In Québec entstand das Gefühl,
in der kanadischen Föderation nicht mehr erwünscht zu sein, obwohl
man sich neben den Briten als eine der beiden Gründernationen sah.
Umfragen zeigen, daß sich zu dieser Zeit über 60% der Bevölkerung
Québecs für die staatliche Unabhängigkeit aussprachen.
So kam 1994 die PQ wieder an die Macht und setzte 1995
ein neues Referendum über die Abspaltung der Provinz von Kanada an.
Hauchdünn behielten die Föderalisten mit 50,6% die Oberhand,
wobei nahezu alle anglophonen Bewohner und die neuen Immigranten mit Non
stimmten, während eine klare Mehrheit der Frankophonen Oui votierte.
Anfang 1996 wechselte Lucien Bouchard als Chef des Bloc
Québécois, einem Ableger der PQ im Bundesparlament in Ottawa,
nach Québec und bekleidet seitdem das dortige Amt des Ministerpräsidenten.
Die Tatsache, daß Bouchard ursprünglich Abgeordneter der Konservativen
war, zeigt wie politisch heterogen die souveränistische Bewegung geworden
ist. Seine Wählerklientel bezieht die PQ heute wie damals hauptsächlich
aus der Jugend, der Arbeiterschaft und dem Mittelstand, während die
PLQ sich vor allem aus der Oberschicht, älteren Leuten, neuen Immigranten
und den Anglophonen rekrutiert.
Der derzeitige liberale kanadische Premierminister Jean
Chrétien, ein Québécois, von dem böse Zungen
behaupten, er beherrsche weder Englisch noch Französisch, wollte 1996
Québec das Recht geben, sich als société distincte
zu bezeichnen, was jedoch einige englischsprachige Provinzen erneut ablehnten.
Im Sommer 1998 erklärte der oberste kanadische Gerichtshof eine einseitige
Abspaltung Québecs von Kanada für verfassungswidrig, sofern
sich nicht »eine deutliche Mehrheit« dafür ausspreche.
Was diese deutliche Mehrheit aber sei, wurde nicht definiert.
Nach diesem Urteil gilt das internationale Recht der Selbstbestimmung der
Völker, auf welches sich die Souveränisten immer berufen, im
Falle von Québec nicht. Einzig und allein sei das kanadische Bundesrecht
gültig. So bleiben die Québécois vorerst eines der wenigen
größeren Völker der westlichen Welt, das in seiner ganzen
Geschichte noch nie über sein eigenes Schicksal bestimmen durfte.
Peter Lieb
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