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| Das Massaker von My Lai |
| 16. März 1968: Die Sonne ist gerade über
dem südchinesischen Meer aufgegangen, als der Himmel über dem
kleinen vietnamesischen Dorf My Lai in der Provinz Quang Ngai vom Rotorgeräusch
zahlreicher Helikopter erschüttert wird. Die Hubschrauber kommen vom
Meer aus Richtung der aufgehenden Sonne und bringen Soldaten der Charlie
Company der elften US-Division in ihr Einsatzgebiet. Das Ziel für
diesen Search-and-Destroy-Einsatz ist My Lai, das verdächtigt wird,
Vietcomgtruppen zu beherbergen.
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| Die US-Truppen stehen unter dem Kommando des vierundzwanzigjährigen
Lieutenants William L. »Rusty« Calley, einem etwas untersetzten,
unauffälligen Mann, aufgewachsen im aristokratischen Süden der
USA.
Die Stimmung der Truppe ist denkbar schlecht. Seit der zu Jahresbeginn begonnenen Tet-Offensive der Vietnamesen, die den US-Truppen empfindliche Verluste und eine schwere psychische Niederlage beigebracht hat, ist Calleys Platoon in ständige Gefechte mit dem scheinbar unsichtbaren Feind verwickelt. Erst vor kurzem mußte die Einheit durch Minen und Sprengfallen erneut große Verluste hinnehmen. So brennen die GIs darauf, sich heute an ‘Charlie’ für die letzten Wochen zu rächen. Gegen acht Uhr erreichen sie My Lai, das umgehend umzingelt und nach nordvietnamesischen Soldaten durchkämmt wird. Schon bald allerdings müssen die Soldaten enttäuscht feststellen, daß sich im Dorf nur unbewaffnete Zivilisten, vor allem Frauen, Kinder und alte Menschen, aufhalten. Lieutenant Calley, der die Dorfbevölkerung der Konspiration mit dem Feind verdächtigt, ordnet eine Befragung der Einwohner an. Da sich der Vietcong jedoch längst ins Bergland zurückgezogen hat, können die Bewohner My Lais keine Verstecke oder Waffenlager preisgeben. Plötzlich geht alles ganz schnell: Einem alten Mann wird beim Verhör in den Kopf geschossen, dann werden Babys und Kinder mit dem Bajonett bestialisch ermordet, Frauen aus nächster Nähe reihenweise exekutiert. Die US-Soldaten verfallen in einen unbeschreiblichen Blutrausch; Platoon-Leader Calley befiehlt, die Dorfbewohner in einer Hütte zusammenzupferchen, um sie darin zu verbrennen. Es dauert keine drei Stunden und das Dorf My Lai und 500 seiner Bewohner existieren nicht mehr. Der 16. März 1968 geht mit dem Massaker von My Lai als eines der dunkelsten Kapitel in die Geschichte der US Army ein. Das US-Oberkommando in Saigon gibt in seinem Lagebericht am nächsten Morgen bezüglich der geschilderten Ereignisse nur sporadic contacts mit dem Feind in der Gegend um My Lai bekannt. 18 Monate lang gelingt es den Militärs, die Wahrheit über die Ereignisse zu verbergen, bis schließlich die New York Times die Ermordung der 500 Zivilisten, darunter 76 Säuglinge, aufdeckt. Nur auf enormen öffentlichen Druck erfolgt eine Untersuchung des Massakers. Der sog. Peers Report sieht den Kommandanten William L. Calley als Hauptschuldigen, der daraufhin von einem Militärgericht zu lebenslanger Haft verurteilt wird. Calley, dem die Ermordung von 102 Zivilisten nachgewiesen wird, erklärt während seiner Verhandlung lapidar, My Lai sei »no big deal« gewesen. Das Blutbad von My Lai jährte sich 1998 zum dreißigsten Mal, was Anlaß zu zwei unterschiedlichen Gedenkfeiern gab. Am Vietnam Veterans Memorial in Washington erhielten am 6.März Pilot Hugh Thompson, Schütze Lawrence Colburn und der in Vietnam gefallene Glenn Andreotta die Soldier`s Medal für ihren Einsatz in My Lai. Als die Hubschraubercrew unter Thompsons Kommando das Massaker der US-Truppen bemerkte, flog sie in die Schußlinie, landete im Dorf und brachte flüchtende Zivilisten vor den marodierenden GIs in Sicherheit. Gleichzeitig befahl er seiner Crew, auf die Soldaten zu schießen, falls sie die unbewaffneten Zivilisten weiterhin attackieren sollten. Durch diesen Einsatz wurden mindestens neun Dorfbewohner vor dem sicheren Tod gerettet. Wenige Wochen nach der Ordensverleihung nehmen Thompson und Colburn in Vietnam an der Gedenkfeier in My Lai teil. Nach seinen Empfindungen befragt, sagt Thompson: »Ich bin glücklich wieder hier zu sein und gleichzeitig furchtbar traurig. Ich bin nahe dran zusammenzubrechen, was ich nicht will, aber heute kann ich meine Gefühle nicht kontrollieren.« Phan Thi Nhanh, damals ein vierzehnjähriges Mädchen, beschreibt ihre Eindrücke von damlas folgendermaßen: »Es waren so viele Helikopter am Himmel und plötzlich brach das Chaos aus. Alles war außer Kontrolle! Wenn sie [Thompson und seine Crew] uns nicht gerettet hätten, keiner würde heute hier stehen. Ich weiß nicht, warum tausende Amerikaner Vietnamesen getötet haben? Wir waren doch nur einfache Menschen!« Neben dieser Frage stellt sich noch eine weitere: Was ist aus den Mördern von My Lai geworden? Der Hauptverantwortliche Calley erfuhr nach seiner Verurteilung vor allem aus den Südstaaten der USA große Unterstützung. Diese Sympathiewelle erreichte während des langen Prozesses in Fort Bennington, Georgia, ihren Höhepunkt, als Calleys Sekretärin über 10.000 Fanbriefe für den »Helden« zu bearbeiten hatte. Aber auch Gouverneure wie z.B.George Wallace aus Alabama, bekannt für seine rassistischen Äußerungen, ergriffen öffentlich Partei für den verurteilten Lieutenant. Man sah in Calley nur den Sündenbock für die Fehler der Militärs und der Regierung. Präsident Nixon, der die Sympathiewelle für Calley zu seinen Gunsten ummünzen wollte, begnadigte ihn schließlich nach nur drei Jahren Haft. Heute ist der Ex-Lieutenant ein angesehener Bürger und gutbezahlter Geschäftsführer eines Juweliergeschäfts in Colombus. Aber auch all die anderen, die erst gemordet, dann geschwiegen und vertuscht haben, gehen nach wie vor ihren Berufen als Militärs oder Politiker nach. Keiner der ranghohen Militärs - z.B. General Koster, Augenzeuge des Blutbades oder auch General Westmoreland, damals Oberbefehlshaber der US-Truppen in Vietnam - wurde zur Verantwortung gezogen. Ein amerikanischer Reporter drückte das Problem so aus: »Unsere kollektive Schuld liegt darin, daß wir angesichts des Massakers von My Lai Gerechtigkeit suchen müssen, unsere Vertreter aber ständig den Rest der Welt moralisieren wollen und unter Führung der Vereinigten Staaten zum Kampf gegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit auffordern. Unterdessen leben die amerikanischen Kriegsverbrecher in komfortabler Anonymität unter uns.« My Lai war nicht nur der Ort einer schrecklichen Tragödie, vielmehr wurde es zum Symbol für die Schrecken des Vietnamkrieges, dem etwa 58.000 Amerikaner und zwei Millionen Vietnamesen zum Opfer fielen. Angesichts der Opfer kann man nur hoffen, daß Lawrence Colburns Wunsch in Erfüllung geht: »Ich bete dafür, daß wir eines Tages fähig sind, unsere Kriegsmentalität abzulegen, denn Krieg ist Wahsinn!« Fabian Klose
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