zeitschrift der historiker und 
politologen der uni münchen 
 no.8 sommersemester 1999
 
 »Solche Waschlappen!«
Die bayerischen Landtagsabgeordneten Sepp Dürr (Grüne) und Ludwig Spaenle (CSU) über die bayerische Hochschulpolitik
 
  »So früh sind sie schon da?« sagt die Kellnerin erstaunt. Es ist 10.15 Uhr, im Restaurant des Bayerischen Landtages herrscht Stille und Le-ere. Der Kaffee ist noch kalt. Hier soll das hp-Zukunftsgespräch mit den beiden Landtagsabgeordneten Ludwig Spaenle (CSU) und Sepp Dürr (Bündnis 90/Die Grünen) stattfinden; Spaenle, als erster da, führt uns in einen kleinen geschlossenen Erker: einen kleiner Seitenaltar, verglast, mit majestätischem Blick über die Isar hinüber zur Frauenkirche. Bei geschlossener Tür soll hier offen über die Universität der Zukunft gesprochen werden - ohne die alten abgegriffenen Schlagworte. Die Debatte über die letzte bayerische Bildungsreform ist abgeklungen, der Wahlkampf vorbei. Und von Sach- und Parteizwängen wollen wir nichts hören.

 
»Momentan wird die Hochschullandschaft massiv strukturbereinigt, das sieht so aus, als ob es den selben Trend geben würde, wie die bäuerlichen Kulturlandschaft, ausgeräumt, nutzungsgerecht zusammengestrichen.« Sepp Dürr ist promovierter Germanist und Landwirt. Seit der Wahl im letzten Sommer sitzt er für die Grünen im Landtag und vertritt sie im Arbeitskreis Hochschule. Man bewerte alles mit einem Praxisverständnis, das sich zu eng an wirtschaftlichen Interessen orientiere, findet Dürr. Man müsse deshalb die Geisteswissenschaften und die nicht-anwendungsbezogenen Naturwissenschaften verstärkt fördern. Seine Idee: Die Campus-Uni. Dürr träumt von einer offenen Gemeinschaft, in der sich die Mitglieder gegenseitig inspirieren. Starke fachliche Unterteilungen auf Fachbereichsebene seien ein Weg. »Aber besonders muß man Schnittstellen schaffen, damit sich die kleinen Einheiten immer wieder treffen.«
Ludwig Spaenle nickt. Ob zustimmend, oder weil ihm diese Ideen schon allzu bekannt sind, ist nicht klar. Dann beginnt er, holt weit aus: »Wenn man in das nächste Jahrtausend hinein schaut, werden die Hochschulen einen noch größeren gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Stellenwert gewinnen.« Da ist sich Spaenle ganz sicher. Am Horizont kann er eine stärker differenzierte Hochschullandschaft erkennen. Aber Dürrs Gespenst einer strukturbereinigten Universität sieht er dort nicht. Er plaudert aus seinem Erfahrungsschatz, nennt die Beispiele Neu-Ulm und Passau. »Diese beiden Hochschulen versuchen sich ein Profil zu geben, das ihrem regionalen Standort gerecht wird. Sie richten sich dabei nach dem Markt.« 
Spaenle weiß viel zu erzählen. Er ist promovierter Historiker. Er sitzt seit vier Jahren im bayerischen Parlament und ebenfalls im Hochschul-ausschuß. Seit kurzem ist er dessen stellvertretender Vorsitzender. »Natürlich, wenn man die LMU betrachtet, als die klassische alma mater, ist das Wahnsinn; mit ihren 60 000 Menschen ist das nicht mehr zu bewältigen. Aber wenn man dann in die LMU hineingeht, mit den Leuten redet, will sich niemand ausklinken. Die sagen: Wir sind eine Hochschulgemeinschaft und das ist wichtig!«
Spaenle hat sich warm geredet, verfällt noch stärker ins Bayerische und kommt zum studentischen Alltag der Zukunft: »Das kann man Modulstudium nennen oder Teilzeitstudium«, er sucht das richtige Wort, »nennen wir es berufsbegleitendes Studium. Ich bin mir sicher und halte es nicht für schlecht, daß immer weniger Studenten in acht Semestern permanent studieren werden - sei es mit BAföG oder sonst einer öffentlichen oder privaten Finanzierung.« Die größte Herausforderung an die Universität werde die Anpassung an die veränderte Le-benswirklichkeit sein: »Die wird aus einer Dualität bestehen: aus einem Verhaftet-Sein in ei-nem gewissen beruflichen Alltag, sei es Taxifahren, oder schon qualifizierter und aus dem studentischen Alltag.« Da seien in dem neuen bay-erischen Hochschulgesetz schon erste kleine Veränderungen drin, freut sich Ludwig Spaenle
»Ich bin dafür, daß man die Uni öffnet, den Ein- und den Ausstieg besser regelt, besser an die Praxis anbindet und das lebenslange Lernen fördert«, greift Sepp Dürr auf. »Nur die Universitäten sind mit dem, was sie heute machen, schon total ausgelastet. Wie wollen wir das finanzieren?« Kurzfristig weiß Dürr das Problem nicht zu lösen. »Jetzt wird versucht, zwanghaft ein Ehemaligenwesen zu schaffen; das können wir aber viel einfacher und effektiver erreichen, wenn wir es schaffen, die Hochschulen menschlicher und persönlicher zu machen, gerade durch die Dezentralisierung.« Dann würden abgegangene Studenten zu engagierten Ehemaligen, und Ehemalige bringen amerika-bekanntlich Geld.
Geld, Finanzierung, genau zu diesem Thema wollte Spaenle. Er legt los: »Ich bin gespannt, wie die Frau Buhlmann ihre Versprechungen wahrmachen will, Hochschulbau und so weiter verstärkt zu fördern. Zwei öffentlichkeitswirksame Sätze, das geht in die Milliarden.« Während des Ausbruches bestätigt Dürr ihn dreimal: »Dees find i aa!« Dann wird der CSUler sachlich: »Bildung ist ein hoheitliches Gut, und es macht tiefen Sinn, daß die öffentliche Hand mitfinanziert. Außerdem muß das ganze System sozial offen bleiben. Aber der Staat stößt irgendwann an gewisse Grenzen; unabhängig von der Partei!« Studiengebühren seien eine sehr schlechte Lösung, findet Spaenle. Natürlich würden sie eine Entspannung bringen - bei 1000 DM pro Semester immerhin ungefähr 10% des Hochschuletats. Aber dann bräuchten wir eine massive Ausweitung des Stipendienwesens. »Kindern von geringverdienenden Eltern muß die Hochschule offenstehen!« Das ist Spaenle ein Anliegen. »Ich will die Stipendien aber ohne Studiengebühren - nicht nur aus den berühmten sozialen Erwägungen, sonders besonders als Leistungsanreiz, denn ein echtes Stipendium bringt ja auch viel mehr Geld als das BAföG.« Stipendien, zum Beispiel von Universitätsstiftungen: »Wir bräuchten einen Reform des Stiftungsrechts - das bringt aber Steuerausfall: Da bremst das rote Finanzministerium genauso wie das der Waigel getan hat.« Rot-schwarze Parallelen.
Um die Universitäten zu finanzieren, liegen für Ludwig Spaenle finanzielle Ressourcen brach, im Bereich der Fort- und Weiterbildung. »Wenn man das macht, was heute irgendwelche sau-teuren privaten Anbieter machen, wieviel Trainingseinheiten für mittlere gestreßte Manager angeboten werden - da ist ein Markt da! Die Hochschulen müssen diesen Markt nur mit mehr Qualität abschöpfen.« Dann kontert Dürr: Natürlich sei das eine Idee und man könne auch noch stärker differenzieren, denn auch »Kleinvieh macht Mist«. »Aber dem wissenschaftlichen Personal fehlt die Zeit dazu, die sind heute ja schon total überfordert.« Gerade im Bereich der Sprachschulung könne man sehr viel Geld holen. »Aber wer solle das machen?« Stille.
Sepp Dürr sitzt zurückgelehnt mit ausgestreckten Beinen in der Kammer. Wenn es hier eine Ecke gäbe, hätte er sich sicher dorthin zurückgezogen, aber die Sitzbank ist rund. Er spricht schnell, mit leiser Stimme, unterbrochen von kurzen Pausen und »ähs«. Er bleibt sachlich, versteckt sich hinter wichtig klingenden Fremdwörtern wie »Kommunikationsstrukturen«. Man merkt, daß er noch neu ist im Geschäft und das Thema selbst nicht ganz zu fassen bekommt. 
Dominiert wird das Gespräch von Spaenle. Seine laute tiefe Stimme erfüllt den Raum. Er scheint in seinem Metier zu sein, beugt sich vor, stützt sich mit den Ellenbogen auf, präsentiert sich, redet, gestikuliert, schimpft über den Minderwertigkeitskomplex der Geisteswissenschaften: »Sie nehmen uns unsere Bücher weg, sie nehmen unseren Kleinen Pauli und stützen damit ihre Werkbänke ab, draußen in Garching. Solche Waschlappen! Die Geisteswissenschaftler konnten letztes Jahr während des Streiks nur jammern und nicht ihre eigenen Vorzüge rausstellen. Das sind die billigsten Studiengänge, die es überhaupt gibt! Aber sie standen völlig an der Wand, defensiv!«
Dürr erklärt, ohne verteidigen zu wollen: »Das ist die fundamentale Angst, die den Geisteswissenschaftlern die gesellschaftliche Entwicklung einjagt. Was sich nicht unmittelbar in Mark und Pfennig umsetzen läßt, gilt als wertlos. Auch selbst setzen sie den Praxisbezug viel zu eng und grenzen sich selber aus.« Spaenle holt Luft, nickt: »Das ist das Irre. Das Bedürfnis, etwas erklärt zu bekommen, ist aber da. Bei jeder historischen Sonderausstellung, und mag sie noch so mies sein, stehen die Leute bis zur Straße an.« Um jedem Mißverständnis aus dem Weg zu gehen: »Ich rede nicht von der Wehrmachtsausstellung.«
Dann fängt Ludwig Spaenle an aufzuzählen, wo sie in letzter Zeit versagt haben, die Geisteswissenschaften und speziell seine Zunft, die Historiker. Rechtschreibreform: »Die Wissenschaftsgemeinde derer, die sich mit deutscher Sprache befassen, die haben doch was zu sagen, aber es war nichts da, kein populärer Aufschrei pro oder kontra, nein, nichts.« Walser-Streit: »Plötzlich entfesselt sich ein gesellschaftlicher Diskurs. Und meine Zunft schweigt. Der Herr von Dohnany respondiert Bubis, aber daß dann meine Zunft reagieren würde: Audimax frei räumen, jetzt sofort, Fachleute aufs Podium, nicht um zu sagen, der hat recht, der nicht, sondern um mal aufzuhellen. Aber statt dessen: Schweigen.«
»Der Historikerpreisträger Assmann«, schränkt Dürr ein, »ist in seiner Festrede darauf eingegangen. Ein Ägyptologe hat es geschafft, sich einzumischen.« Dürr klingt resigniert. 
Spaenle weiter zur Wehrmachtsausstellung: »Das ist bis in den hintersten Giesinger Stammtisch diskutiert worden, ein schwieriger Fall, eine hoch emotionale Geschichte, aber von der Zunft kam nur hier und da mal eine kleine Kleinigkeit.« Goldhagendebatte... Man merkt, daß Spaenle richtig wütend wird, je länger er über die Sprachlosigkeit der Geisteswissenschaften redet: »Wenn einer was sagt, ist das gleich Zunftbeschmutzung.« Die Geschichtswissenschaft liegt ihm am Herzen, aber darüber, wie sich die meisten seiner Zunft außerhalb des Elfenbeiturms präsentieren, kann er nur schimpfen. 
Dürr sekundiert ihm trocken: »Bei den Professoren hast du das Gefühl, sie wollen sich mit dem Tagesgeschäft nicht beschmutzen. Wo sie verstanden werden könnten, wollen sie sich nicht festlegen.« Für die Zukunft muß sich das ändern, sonst, da sind sich die beiden einig, kommen die Geisteswissenschaften unter die Räder.
Erschlagendes, Furcht einflößendes Finale des Studiums: Prüfungsblock Staatsexamen. »Wir müssen versuchen, von der einen Hauptprüfung am Schluß runterzukommen«, schlägt Sepp Dürr vor. Das würde alles entschärfen. Spaenle hat scheinbar nur halb zugehört, er reagiert barsch: »Sie brauchen ja das Staatsexamen, abschaffen kann man es nicht.« »Ich will es staffeln oder modulartig aufbauen.« »Gut,« sagt Ludwig Spaenle dann. Das komme sowieso, das sei nur noch eine Zeitfrage: »Das mag für die Kameraden drüben vom Salvatorplatz im Kultussministerium noch eine Glaubensfrage sein, aber mittelfristig muß das möglich werden.« Mittelfristig. Schnelles Handeln traut er der Ministerialbürokratie - den Kameraden - nicht zu: »Das bedarf noch eines großen Geschiebes, wir reden hier über einen Zeitraum von 20 Jahren oder mehr.« »Es muß doch möglich sein, das Staatsexamen aufzuspalten, es zu staffeln«, wiederholt Dürr. Spaenles Schulterzucken entmutigt.
»Die Studenten sind noch nicht schicksalsergeben, zumindest nicht viele. Die wollen mitreden, nicht nur außerhalb der Uni in Talkshows. Wie, Herr Spaenle, Herr Dürr soll die Studentenvertretung der Zukunft aussehen?«
Ludwig Spaenle blockt erst einmal ab. Kaum hört er »studentische Mitbestimmung«, glaubt er zu wissen, was jetzt kommt, nämlich AStA-Jargon: Verfaßte Studierendenschaft, Drittelparität... »Machen wir wegen der VS ein ceterum censeo, da haben wir unterschiedliche Meinungen, die letztlich sicher vom Verfassungsgericht ausgetragen werden.« Er kann gar nicht mehr zuhören. Zu oft stand er schon auf der einen Seite der verhärteten Frontlinie. 
Dann beginnt er trotzdem: »Studenten sind keine Schüler mehr; sie sind erwachsene Menschen, die positiven Korrekturzwang ausüben können.« Dafür würden sie institutionell mit fachbezogenem Druckpotential ausgestattet. »Daß sie ernst genommen werden müssen!« Zum Beispiel durch Evaluationen und durch erzwungene Dialoge. Dazu wird er konkret und spricht wieder stolz vom bayerischen Hochschulgesetz: »Wir haben da die Pflicht hineingeschrieben, daß der Institutsleiter einmal im Jahr öffentlich, von Gesicht zu Gesicht, sein Semesterprogramm vorlegen muß. Die haben dann zu uns gesagt: 'Ihr spinnts, wir sollen da reingehen und das körperlich vortragen?' Ja, genau! Wir wollen den Dialog!« Das sei ein direktes Ergebnis der Gesprächsrunde zwischen ihm und der Fachschaft Geschichte im letzten Jahr gewesen, betont Spaenle.
Man müsse halt versuchen, neue Kommunikationsstrukturen zu schaffen, sagt Sepp Dürr. »Aber für strukturelle Änderungen ist es erstmal zu spät; das Gesetz ist verabschiedet.« Deshalb schlägt er den Studenten den informellen Weg vor. Die studentische Mitbestimmung verharre schon zu lange zu sehr auf dem formellen Entscheidungsprozeß. »Dabei findet die entscheidende Mitwirkung Spaenle vor der Entscheidung statt, und da müßt ihr mitreden.«
Die SPD-Fraktion kommt ins Landtagsrestaurant, zu Lachsschnittchen und Sekt. Leider bekommen wir nichts ab, außer ein paar Gesprächsfetzen: wieder kalter Kaffee. Bei uns ist er nur in den Tassen kalt. Das Tonbandgerät haben wir inzwischen abgeschaltet. Perspektiven tun sich auf und - als wir die Mauschelkammer verlassen - verwunderte Blicke der Roten über schwarz-grünes Lachen.
Matthias Georgi, Armin Heigl