zeitschrift der historiker und 
politologen der uni münchen 
 no.8 sommersemester 1999
 
 Holbrookes Mission 
 
Der US-Sonderbeauftragte Richard Holbrooke geht in seinem Bosnien-Buch weit über die Schilderung der bloßen Vorgänge hinaus: Er zeigt, wie Politik und Diplomatie »hinter den Kulissen« funktionieren 
 
»Du willst also allen Ernstes in die Politik einsteigen? Was kann man da heute denn noch erreichen? Hast Du wirklich vor, einer von denen zu werden? Die sind doch alle nur an Macht interessiert und wollen ihre eigenen Taschen füllen!« - Welcher Politikstudent kennt diese Fragen nicht? 

Korrupt, karrieregeil, geldgierig, inkompetent, falsch, faul, rücksichtslos, unehrlich; sind dies wirklich die inneren Werte unserer Politiker? Sie geben vor, nur unser bestes im Sinn zu haben - aber sind sie nicht in Wahrheit Schauspieler einer (mehr oder weniger) großartigen Theaterinszenierung, die sich »politisches Weltgeschehen« nennt? Was steckt dahinter? Wer entscheidet, wann, wo und vor allem: Warum? Da »Normalbürger« selten tiefe Einblicke in politische Entscheidungsprozesse erhalten, mißtrauen sie oft ihren eigenen Führungskräften. Einige Politiker bemühen sich jedoch, ein wenig Transparenz in die ganze Angelegenheit zu bringen. Richard Holbrooke ist einer davon. 
In seinem 600 Seiten umfassenden Buch „Meine Mission, vom Krieg zum Frieden in Bosnien“ schildert er detailliert seine Erfahrungen als Sondergesandter der Amerikanischen Regierung während des jugoslawischen Bürgerkrieges (1991-95).  
Holbrooke möchte damit insbesondere jungen Menschen ein vielschichtigeres Bild von der »praktischen« Politik geben, als es »die meisten Darstellungen wichtiger historischer Ereignisse, auch Memoiren« vermitteln. Im Vordergrund steht dabei, wie Beteiligte den Prozeß der politischen Geschehnisse erlebten.  
Das Buch gibt dem Leser Aufschluß über Hintergründe und Verlauf des jugoslawischen Bürgerkrieges. Schwerpunkt sind die Bemühungen der internationalen Gemeinschaft, eine für alle Konfliktparteien zufriedenstellende Lösung herbei zu führen. Obwohl aus der Sicht des amerikanischen Vermittlerteams geschrieben, gelingt es Holbrooke anhand von Berichten und Schilderungen seiner ausländischen Kollegen, Mitarbeitern der UNO, ein umfangreiches Bild der Ereignisse zwischen 1990 und 95 zu zeichnen. 
Auszüge aus verschiedenen Tagebüchern, Erzählungen komischer wie tragischer Anekdoten machen die sonst trockene Realpolitik insbesondere für »Neueinsteiger« greifbarer und lebendiger. Verhandlungesergebnisse werden verständlicher, da man über ihren genauen Verlauf informiert wird.  
Der Leser erfährt, daß Verhandlungen nicht allein in geschlossenen, abhörsicheren Konferenzräumen, sondern auch in ungezwungener Atmosphäre, während eines Tennisspiels oder beim Bier in der Kneipe, stattfinden können.  
Auch wenn das Buch nicht direkt zur wissenschaftlichen Literatur zählt, ist die Lektüre auf jeden Fall lohnend. Der von Holbrooke gewährte Blick hinter den Vorhang der politischen Bühne am Beispiel (Ex-) Jugoslawien ist hochaktuell, informativ und extrem spannend. 

Kerstin Petretto
 
 

Richard Holbrooke : Meine Mission. Vom Krieg zum Frieden in Bosnien, Pieper München 1998