| »Du willst also allen Ernstes in die Politik einsteigen?
Was kann man da heute denn noch erreichen? Hast Du wirklich vor, einer
von denen zu werden? Die sind doch alle nur an Macht interessiert und wollen
ihre eigenen Taschen füllen!« - Welcher Politikstudent kennt
diese Fragen nicht?
Korrupt, karrieregeil, geldgierig, inkompetent, falsch,
faul, rücksichtslos, unehrlich; sind dies wirklich die inneren Werte
unserer Politiker? Sie geben vor, nur unser bestes im Sinn zu haben - aber
sind sie nicht in Wahrheit Schauspieler einer (mehr oder weniger) großartigen
Theaterinszenierung, die sich »politisches Weltgeschehen« nennt?
Was steckt dahinter? Wer entscheidet, wann, wo und vor allem: Warum? Da
»Normalbürger« selten tiefe Einblicke in politische Entscheidungsprozesse
erhalten, mißtrauen sie oft ihren eigenen Führungskräften.
Einige Politiker bemühen sich jedoch, ein wenig Transparenz in die
ganze Angelegenheit zu bringen. Richard Holbrooke ist einer davon.
In seinem 600 Seiten umfassenden Buch „Meine Mission,
vom Krieg zum Frieden in Bosnien“ schildert er detailliert seine Erfahrungen
als Sondergesandter der Amerikanischen Regierung während des jugoslawischen
Bürgerkrieges (1991-95).
Holbrooke möchte damit insbesondere jungen Menschen
ein vielschichtigeres Bild von der »praktischen« Politik geben,
als es »die meisten Darstellungen wichtiger historischer Ereignisse,
auch Memoiren« vermitteln. Im Vordergrund steht dabei, wie Beteiligte
den Prozeß der politischen Geschehnisse erlebten.
Das Buch gibt dem Leser Aufschluß über Hintergründe
und Verlauf des jugoslawischen Bürgerkrieges. Schwerpunkt sind die
Bemühungen der internationalen Gemeinschaft, eine für alle Konfliktparteien
zufriedenstellende Lösung herbei zu führen. Obwohl aus der Sicht
des amerikanischen Vermittlerteams geschrieben, gelingt es Holbrooke anhand
von Berichten und Schilderungen seiner ausländischen Kollegen, Mitarbeitern
der UNO, ein umfangreiches Bild der Ereignisse zwischen 1990 und 95 zu
zeichnen.
Auszüge aus verschiedenen Tagebüchern, Erzählungen
komischer wie tragischer Anekdoten machen die sonst trockene Realpolitik
insbesondere für »Neueinsteiger« greifbarer und lebendiger.
Verhandlungesergebnisse werden verständlicher, da man über ihren
genauen Verlauf informiert wird.
Der Leser erfährt, daß Verhandlungen nicht
allein in geschlossenen, abhörsicheren Konferenzräumen, sondern
auch in ungezwungener Atmosphäre, während eines Tennisspiels
oder beim Bier in der Kneipe, stattfinden können.
Auch wenn das Buch nicht direkt zur wissenschaftlichen
Literatur zählt, ist die Lektüre auf jeden Fall lohnend. Der
von Holbrooke gewährte Blick hinter den Vorhang der politischen Bühne
am Beispiel (Ex-) Jugoslawien ist hochaktuell, informativ und extrem spannend.
Kerstin Petretto
Richard Holbrooke : Meine Mission. Vom Krieg zum Frieden in Bosnien,
Pieper München 1998 |