zeitschrift der historiker und 
politologen der uni münchen 
 no.8 sommersemester 1999
 
 Münchens braune Bavaria 
 
David Clay Larges »Hitlers München« - »nettes« Lesebuch mit methodischen Mängeln
 
Das kürzlich im Münchner Beck Verlag erschienene Buch Hitlers München, Aufstieg und Fall der Haupstadt der Bewegung des amerikanischen Historikers David Clay Large (im Original mit dem mystischen Titel »Where Ghosts Walked. Munich´s Road to the Third Reich«) versucht, eine Biographie der Stadt München zu zeichnen und sie mit dem Leben eines ihrer berüchtigtsten Einwohner, Adolf Hitler, zu verknüpfen. Nach den Aussagen Larges ist »eine der Grundüberlegungen dieses Buches (...) die Annahme, daß sich die fatale politische Rolle, die München zwischen 1919 und 1945 spielte, am besten verstehen läßt, wenn man (...) in das sogenannte ‘goldene Zeitalter’ Münchens, das die drei oder vier Jahrzehnte  vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges umfaßt, zurückgreift«. Es stellt sich für ihn die Frage, wie es dazu kam, »daß dieser geniale Ort, dieser Hort der Bierseligkeit, dieses Mekka der Musen eine so entscheidende Rolle in der Entwicklung des Nationalsozialismus spielte?«.  
 
Julius Streicher beim Hitler Putsch auf dem Marienplatz 1923
 
Die neun Kapitel seines Buches gliedern sich in drei zeitliche Epochen: Die Entwicklung Münchens bis zur Räterepublik des Jahres 1919, das Schicksal Münchens zwischen Revolution und »Machtergreifung« 1933 und schließlich München unter nationalsozialistischer Herrschaft bis zur »Götterdämmerung«, dem Untergang des Dritten Reiches. Abschließend analysiert Large in einem Epilog den Umgang mit dem nationalsozialistischen Erbe in Bayern und München nach dem Krieg.  
Large bemüht sich bei seiner Vorgehensweise um eine klare Linie. Am Anfang jeder Epoche zeichnet er ein Kolorit ihrer kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Elemente. Auf diese Folie spiegelt er die Aktionen Hitlers und seiner Helfershelfer. Diese Vorgehensweise ist grundsätzlich sehr zu begrüßen, da sie dem Leser sehr gut die Rahmenbedingungen für die Handlungsweisen der Protagonisten der damaligen Zeit verständlich macht. Schade ist jedoch, daß Large es unterläßt, die Vorgänge in anderen Zentren und Regionen Deutschlands und Europas kurz aufzuzeigen, um die Situation Münchens und seiner handelnden Personen besser bewerten zu können. 
Im Rahmen seiner Beschreibung der Münchner Verhältnisse der frühen Weimarer Republik werden neben den entstehenden Einwohnerwehren die politischen Anfänge Hitlers als Agitator in der politischen Abteilung der Münchner Reichswehr dargestellt. Large läßt ihren damaligen Leiter, Hauptmann Karl Mayr, zu Wort kommen. 1941 hatte dieser in einer amerikanischen Zeitschrift behauptet, er habe Hitler nicht zuletzt aus Mitleid aufgenommen. Der spätere »Führer« sei bereit gewesen, sich jedem anzuschließen, »einem jüdischen oder französischen Arbeitgeber genauso bereitwillig (...) wie einem arischen«. Large ist nicht überzeugt, »ob diese Einschätzung nun zutrifft oder nicht«. Seine Aufgabe als Historiker wäre es jedoch, dies herauszuarbeiten. Zudem gibt es neue Erkenntnisse, die darauf schließen lassen, daß Hitlers Weltbild stark durch seine vorangegangene Zeit in Wien geprägt war. Ein Dienst unter »jüdischer« Herrschaft wäre für Hitler in München daher wohl nicht mehr vorstellbar gewesen. 
Dem »Marsch zur Feldherrnhalle« widmet Large ein eigenes Kapitel. Das juristische Nachspiel und das Schicksal der Partei nach ihrem Putschversuch behandelt er unter der Überschrift »Die dümmste Stadt in Deutschland«. Dies hatte 1924 eine Berliner Zeitschrift publiziert, da sich München als die Stadt »mit den rückständigsten politischen Führern, den engstirnigsten Einwohnern, der reaktionärsten Presse, der fremdenfeindlichsten Atmosphäre und der brutalsten Polizei präsentiere«.  Zurückzuführen sei das auf die 500 Liter Bier, die der (männliche) Durchschnittsmünchner pro Jahr konsumiere und die sich aufs Hirn schlügen. Large glaubt, dies »sei vielleicht nicht einmal augenzwinkernd gemeint«.  
Neben den politischen Vorgängen werden die amourösen Abenteuer der NS-Bonzen unter der Überschrift »Babylon an der Isar« genauer unter die Lupe genommen. Hitler soll sich, Aussagen eines Korrespondenten der Nachrichtenagentur Reuter zufolge, das eine oder andere Mal mit Tänzerinnen des Gärtnerplatztheaters vergnügt haben. In diese Epoche fallen auch die unsäglichen Ausschreitungen der sogenannten »Reichskristallnacht«, deren Entstehung und Auswirkungen Large treffend beschreibt. Auch auf Stellungnahmen der meist empört reagierenden Bevölkerung geht er ein. 
In seinem Epilog jedoch geht Large sehr polemisch mit dem Versuch der Vergangenheitsbewältigung der ehemaligen »Hauptstadt der Bewegung« um. Die »Stadt des Dr. Alzheimer [sei der] Beweis dafür, daß sich aus einem einsetzenden Gedächtnisverlust durchaus die Energie für eine dynamische Wiedergeburt gewinnen läßt«. Ein wirksames Rezept hierfür sei die »Wiederanknüpfung an die prä-nationalsozialistische Vergangenheit« gewesen. So konnte nach dem Wiederaufbau ein »uneingeweihter Besucher der Stadt bei einem Spaziergang (...) den Eindruck gewinnen, es habe nie ein Drittes Reich gegeben«. Im Großen und Ganzen schafft Large es, ausgewogen über die Entwicklung Münchens vom ausgehenden 19.Jahrhundert bis 1945 zu beschreiben. Um dem Leser die damalige politische Lage verständlich zu machen, greift er immer wieder auf die Lage des »kleinen Mannes« zurück, seine Ängste, seine Nöte und Sorgen. Er versucht so, verständlich zu machen, warum Hitler in den verschiedenen Phasen seiner Entwicklung einmal mehr und einmal weniger Erfolg hatte.  
Im Rahmen seiner Schilderung der Judendeportationen geht Large auch auf die konsequente Verfolgung und drakonische Bestrafung des Teils der Münchner Bevölkerung ein, der sich kritisch gegenüber dem NS-Regime äußerte. Von der Schwierigkeit, sich verläßliche, neutrale Informationen zu beschaffen, schreibt er ebenso wie von der Tatsache, daß »ein solcher industriell betriebener Massenmord« schlichtweg das Vorstellungsvermögen der meisten Leute überstieg. Eindrucksvoll skizziert der Autor die wirtschaftlichen Verhältnisse, in denen sich zur damaligen Zeit das Reich, die Stadt München und ihre Bewohner befanden. Aufschlußreich sind auch seine Ausführungen über das Verfahren der Justiz, linke Straftäter rigoros abzuurteilen, während rechte Attentäter sehr milde bestraft wurden. 
Durch seine Hinweise auf die beschränkten Möglichkeiten der Bevölkerung, Widerstand zu leisten, zeigt er durchaus Verständnis für die Haltung der Bevölkerung. Er hat aber auch den Eindruck, daß - trotz teilweise ablehnender Haltung - die Bevölkerung in ihrem seit den 1870er Jahren schwelenden Antisemitismus´ eine hohe Mitschuld treffe. Dieser habe München zu einem prädestinierten Absprungbrett für die nationalsozialistische Bewegung gemacht. Sehr befremdend sind die Äußerungen Larges über das Schicksal verschiedener Münchener Örtlichkeiten. So war die Restaurierung der Feldherrnhalle und die dortige Beseitigung »nazistischen Bilderschmuck[s] und Beiwerk[s] (...) nur ein Element in einer eilends in die Wege geleiteten Kampagne mit dem Ziel, München von möglichst vielen seiner nationalsozialistischen Wahrzeichen zu säubern«. Deutlich stößt es Large offensichtlich auf, daß der vor der Feldherrnhalle liegende Odeonsplatz weiterhin als Versammlungsort für Manifestationen verschiedenster Art, von Atomkraftgegner genauso wie von Demonstranten gegen betrügerisches Einschenken beim Oktoberfest benutzt wird. Hier geht ihm anscheinend der Grad der Betroffenheit in der Münchner Bevölkerung nicht weit genug. Diese Vorgänge sind meines Erachtens aber auch ein Zeichen dafür, daß in München durch die unsäglichen zwölf Jahre nicht der Blick auf die Bedürfnisse der heutigen Zeit verlorengegangen ist. Durch übertriebenen Betroffenheitswahn wären bestimmte Örtlichkeiten verdammt, ihr Schicksal als immerwährende Friedhöfe zu fristen. Large findet Positives, wenn er zum Beispiel die Ausstellung »München - Hauptstadt der Bewegung« (1993) und ihr breites Lob in der deutschen und internationalen Presse erwähnt. Bei seiner sonst kritischen Haltung hätte er aber auch die »Pretiosensammlung« der verschiedenen NS-Bonzen erwähnen sollen, die auf zum Teil herbe Kritik stieß. Ein zwiespältiger Eindruck entsteht durch die Mystifizierung des Münchner Bieres, dem der Amerikaner Large einen nicht unerheblichen Anteil am Aufstieg des Nationalsozialismus andichtet. Den bittersten Nachgeschmack hinterläßt Larges Auswertung der Quellen, über deren Herkunft der Leser leider im Dunkeln gelassen wird. In einer Biographie Adolf Hitlers wünscht man sich mehr als eine reine Darstellung der Ereignisse, die in so vielen anderen Publikationen bereits x-mal besprochen wurde.  
Ein Vorbild hätte Brigitte Hamanns biographisches Werk Hitlers Wien (München 1996) sein können. Für Hamann ist es nur auf der »Basis einer kritischen Abklärung der Quellen (...) überhaupt möglich, sich an eine Hitler-Biographie zu wagen. Deshalb bildet die ausführliche Quellenkritik einen Schwerpunkt«. Larges leichtfertiger Umgang mit Dokumenten führt soweit, daß an manchen Stellen die Ergebnisse stark vereinfacht werden. So hat nach seinen Erkenntnissen das Deutsche Museum die Ausstellung »Der ewige Jude« in seinen Bibliotheksräumen veranstaltet. In Wahrheit aber stellte die Museumsleitung nur die Räumlichkeiten zur Verfügung. Organisiert wurde die Ausstellung von der Gauleitung München-Oberbayern. Zu dieser Problematik gehört auch die Darstellung der verschiedenen Sex-and-Crime-Ereignisse im Umfeld Hitlers, sowie manche Vorgänge, die Hitler selber betrafen. Sie scheinen Large so zu faszinieren, daß er den Blick für einen sachlichen Umgang mit ihnen verliert.  
Zum Schluß soll noch einmal auf die wesentliche These Larges eingegangen werden, die Urgründe für den Erfolg der Nationalsozialisten in München läge in den Jahrzehnten vor der Machtergreifung. Large spricht von einem »protofaschistischem Kulturerbe«, auf das sich nach seiner Darstellung ein nationalsozialistischer Kommentator 1935 bezog: dieser hatte berichtet, die bayerische Hauptstadt sei im Grunde immer »gesund« geblieben. Bedeutsame Kontinuitätslinien lassen sich, dem Historiker folgend, auch im Bereich der sozioökonomischen und politischen Entwicklung aufspüren. Erstaunlicherweise aber erzielte die NSDAP in München (mit einziger Ausnahme der letzten halbwegs freien Wahl im März 1933) immer nur ein unterdurchschnittliches Ergebnis - z. B. im Sommer 1932, wie Large es selbst auch feststellt: »Der Nazichef schien nicht in der Lage, sich vor der eigenen Haustür durchzusetzen«. Der Autor zieht jedoch aus diesem Tatbestand keine Rückschlüsse für seine Analyse und hält weiterhin daran fest, daß Hitler gerade in München von Beginn an eine besonders große Anhängerschar hatte.  
 
Rudolf Schilcher