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| Guernica - Eine europäische Tragödie |
| Das Wetter soll, der Erinnerung von Antonio
Arazamagnis zufolge, am Nachmittag des 26. April 1937 eigens dazu gemacht
gewesen sein, »...alles zu vergessen - außer daß es herrlich
ist, am Leben zu sein«. Bald schon sollten sich allerdings andere
Erinnerungen an diesen Apriltag in das Gedächtnis der Bewohner Guernicas,
dem geistigen und kulturellen Zentrum des Baskenlandes, einbrennen...
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| Am 17. Juli 1936 bricht in Spanisch-Marokko unter der
Führung General Francos ein Militärputsch gegen die spanische
Republik aus, Auftakt des drei Jahre andauernden blutigen spanischen Bürgerkriegs.
Mit Hilfe deutscher Flugzeuge gelingt es Francos Verbänden, der spanischen
Fremdenlegion und den maurischen Regulares, auf die spanische Halbinsel
überzusetzen, und sich dort mit ihren Verbündeten zu vereinigen.
Rasch dringen die Faschisten nach Kastilien vor, bis ihr Vormarsch in der
Schlacht um Madrid gestoppt wird. Nach dieser Niederlage wenden sich die
faschistischen Truppen unter General Mola nun einem neuen Ziel zu: der
Eroberung der republiktreuen Nordprovinzen mit ihren Erz- und Kohlegruben,
Stahlwerken und Werften. Molas Plan ist es zunächst, die seit Kurzem
autonome Republik Euskadi zu erobern. Deren Einwohner, die Basken, halten
trotz ihrer konservativen und streng katholischen Grundhaltung treu zur
Republik, von der sie zum ersten Mal ihre langersehnte Autonomie erhalten
hatten. Am 31. März 1937 beginnt die Offensive der Faschisten gegen
das Baskenland, an der sich die deutsche Legion Condor, einem zur Unterstützung
Francos aufgestellten deutschen Wehrmachtsverband, zum ersten Mal als geschlossener
Truppenteil beteiligt. Das Oberkommando über die Legion, die trotz
Nichteinmischungspakt auf Seite der Faschisten kämpft, hat General
Hugo Sperrle, der zusammen mit seinem Stabschef, Oberstleutnant Wolfram
Freiherr von Richthofen, die Leistungsfähigkeit dieser neuen Sondereinheit
unter Beweis stellen will. Die Basken, ohne eigene Flugabwehr und Flugzeuge,
sind den Attacken der Legion Condor schutzlos ausgeliefert. Ziel der baskischen
Truppen kann es deshalb nur sein, den »Eisernen Ring« um die
Industrieregion Bilbao so lange zu halten, bis republikanische Truppen
zum Entsatz eintreffen. Nach verheerenden Luftangriffen auf Durrango und
Elorrio, die viele Opfer unter der Zivilbevölkerung fordern, bricht
die baskische Front zusammen. Tausende von Flüchtlingen stömen
aus Angst vor den für ihre Grausamkeit berüchtigten Moros, den
marrokanische Truppen Francos, dem Verteidigungsring von Bilbao zu. Guernica,
der heilige Ort der Basken, mit der Casa de Juntas und der heiligen Eiche,
ist bisher von Luftangriffen verschont geblieben. Die Einwohner sind der
festen Überzeugung, daß die kulturelle Bedeutung und militärische
Unbedeutsamkeit ihrer Stadt sie vor Luftattacken schützen werde. An
dem Ort, an dem die spanischen Könige die Fueros, die baskischen Sonderrechte,
schworen, würde sich auch Franco nicht vergreifen. Die Luftschutzmaßnahmen
sind dementsprechend dürftig. Richthofen, Vetter des Roten Barons,
sieht die Lage allerdings anders. Angetrieben von maßlosem Ehrgeiz,
will er die »schleppende spanische Offensive« mit Hilfe seiner
Flieger vorantreiben und gleichzeitig die in Berlin von ihm erwarteten
Erfahrungen für größere Ziele sammeln.
Die Wettervorhersagen versprechen für den 26. April 1937 einen »Bomberhimmel«, den er unbedingt nutzen will, um den flüchtenden Feinden weiter zuzusetzen. Nach dem Angriff auf Durrango ziehen sich die republikanischen Truppen in Richtung Guernica zurück. Luftbilder belegen, daß sie den Fluß Mundaca auf der in der Nähe der Stadt befindlichen Renteria-Brücke überqueren wollen. Nach kurzer Absprache mit Molas Stabschef, Oberst Juan Vigon, gibt Richthofen den Befehl, die Brücke und die zu ihr führende Straße zu zerstören; daß in unmittelbarer Nähe eine mit Flüchtlingen überfüllte Stadt liegt, ist für kein Hinderungsgrund. Er befiehlt, »...ohne Rücksicht auf Zivilbevölkerung« zu bombardieren. Auf den Flugplätzen von Burgos und Vitoria starten nun insgesamt 43 Flugzeuge der Legion Condor mit einer Bombenlast von 50 Tonnen, mit dem Ziel, die 25 m lange und knapp 10 m breite Steinbrücke zu zerstören. Richthofen schickt die bis dahin größte Luftstreitmacht in den Kampf - gegen eine auf zwei Pfeiler gestützte Brücke. Wäre die Zerstörung der Brücke sein einziges Ziel gewesen, stellte sich die Frage, warum er nicht auf die neuen Sturzkampfbomber vom Typ Ju 87, die sogenannten Stukas zurückgriff, die, mit neuestem Zielgerät ausgerüstet, mit nur einem Volltreffer die Brücke zerstört hätten. Die Instabilität der eingesetzten Maschinen vom Typ Ju 52 und He 111 im Zielanflug war ihm bekannt. Recht ungewöhnlich scheint darüberhinaus die eingesetzte Mischung von Spreng-, Splitter- und Brandbomben. Wollte ein erfahrener Luftwaffenoffizier allen Ernstes eine Steinbrücke mit Brandbomben entzünden ? In drei Angriffswellen fliegt die Legion Condor Guernica an und hinterläßt bis dahin ungeahnte Zerstörungen. Die ersten Bomben schlagen auf dem mit Flüchtlingen überfüllten Bahnhofsplatz ein. Nach den Bombern vollenden Jagdmaschinen im Tiefflug das Werk der Vernichtung. Drei Viertel der Häuser werden bei dem Angriff völlig zerstört; durch direkte Treffer oder durch den furchtbaren Feuersturm, der in den alten Häusern ideale Nahrung findet. Die Zahl der Opfer wird man nie genau ermitteln können. Schätzungen schwanken zwischen 600 und 1600 Menschen. Guernica, die heilige Stadt der Basken, hat aufgehört zu existieren. Drei Tage nach der Bombardierung erreichen die Faschisten Guernica und können trockenen Fußes in die Stadt einziehen. Die Renteria-Brücke ist eines der wenigen Bauwerke der Stadt, die unbeschädigt geblieben sind. Dennoch meldet Richthofen noch am Abend des 26. Aprils 1937 nach Berlin, der Angriff sei ein voller Erfolg gewesen. In der Pressemitteilung aus Francos Hauptquatier vom 15. Mai 1937 heißt es: »Guernica ist nicht von meiner Luftwaffe bombardiert worden. Es wurde mit Feuer und Benzin von den Basken selbst zerstört«. Am 15.Mai 1937 telegraphiert Hitler an Ribbentropp: »Eine internationale Untersuchung von Guernica ist unter allen Umständen zurückzuweisen.« Die geschilderten Ereignisse liegen nun schon über 50 Jahre zurück. Trotzdem hat es die deutsche Bundesregierung bis zum heutigen Tag nicht geschafft, eindeutig Stellung zu den Ereignissen zu beziehen, geschweige denn sich für durch deutsche Hand geschehenes Unrecht zu entschuldigen. Einen Antrag der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen auf eine offizielle Entschuldigung lehnte die CDU/CSU-FDP-Koalition 1997 ab. Zu groß war die Furcht der Union, daß eine erneute Debatte über deutsche Kriegsverbrechen, nach der über die Wehrmachtsausstellung, die Zerrissenheit der Christdemokraten aufzeigen würde. Mit dem Hinweis auf die finanzielle Förderung von Sportanlagen in Guernica durch die Bundesregierung sollte das Thema beendet werden. Hierzu sei angemerkt, daß Worte oft mehr bewirken als finanzielle Taten, denn Guernica war nicht nur »ein Experiment des Schreckens« (Winston Churchill), sondern es war der Beginn einer Tragödie, die in Rotterdam, Coventry, Dresden und Hiroshima ihre grausame Fortsetzung fand. Fabian Klose
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