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| Europa von A - Z
Notizen zu einer Exkursion in die Hauptstadt
der Europäischen Union
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| Studieren heißt in erster Linie Vorlesungen
hören, Seminare besuchen und, vor allem, lesen, lesen, lesen. Das
bedeutet jedoch nicht, daß man sich als Student darauf beschränken
muß. Vielmehr kann es der Motivation nur förderlich sein, ab
und zu Politik nicht nur zu studieren, sondern auch zu erleben. Wenn theoretische
Aspekte einen in der Praxis erlebten Bezug erhalten, oder zumindest mit
Assoziationen zu realpolitischen Ereignissen gefüllt werden, ist dies
ein wertvoller Beitrag zum Verständnis der Materie. Wer deshalb die
Möglichkeit hat, an einer Exkursion teilzunehmen, sollte nicht zögern,
sie wahrzunehmen.
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| Der Lehrstuhl von Prof. Weidenfeld veranstaltete im vergangenen
Sommer unter Leitung von Andreas Kießling eine viertägige Exkursion
nach Brüssel. Es war dies die dritte Fahrt des Lehrstuhls, nachdem
bereits 1996 und Anfang 1998 Studenten die Möglichkeit gegeben worden
war, sich an Ausflügen nach Straßburg und Bonn zu beteiligen.
Die Exkursion nach Brüssel stand unter dem Motto »Europa vor Ort«. Ein dicht gedrängtes Programm, das neben einer Stadtführung in erster Linie Gespräche mit Vertretern verschiedener Institutionen vorsah, sorgte dafür, daß viele Aspekte und Probleme der europäischen Integration beleuchtet werden konnten. Aktuelle Themen (etwa die Währungsunion, Fragen des Amsterdamer Vertrages, Reformansätze, Perspektiven der GASP, die Diskussion um das Beitragssystem und die Osterweiterung) bildeten den Kern fast aller Diskussionen. Die unterschiedlichen Perspektiven der Referenten, die sich naturgemäß aus der spezifischen Sicht ihrer jeweiligen Organe ergaben, vermittelten einen großen Überblick über die Bandbreite der möglichen Argumentations- und Betrachtungsweisen. Hinweise auf neue Aspekte und Einblicke, auch in informelle Prozesse der Kommunikation und Entscheidungsvorbereitung (etwa des Lobbying), aber auch Anekdoten aus dem Arbeitsalltag sowie die jeweilige Atmosphäre und das Ambiente der einzelnen EU-Institutionen verdichteten sich zu einer plastischen Vorstellung von Politik auf europäischer Ebene. Brüssel - einst Kompromißlösung - ist längst zur europäischen Verwaltungshauptstadt geworden. Die glasverkleideten Bürotürme symbolisieren den Charakter der Stadt als Zentrum europäischer Bürokratie und Diplomatie. Der nicht-belgische Bevölkerungsanteil, der sich aus Mitgliedern der EU rekrutiert, ist enorm. Brüssel ist gewissermaßen zum »Miniatur-Europa« geworden. Diese Tatsache führte sogar dazu, daß ausgerechnet in Brüssel die Einführung des kommunalen Wahlrechts für EU-Ausländer so umstritten ist wie nirgendwo sonst - die Brüsseler sind besorgt um ihre Identität. Die Europäische Union wiederum versucht, sich bewußt »offen« zu präsentieren. Die vielbeschworene Bürgernähe soll schon rein architektonisch demonstriert werden: »Der nagelneue Komplex des Europäischen Parlaments mit seinen Glasfronten vermittelt Transparenz«, sagt Knut Diekmann, Consultant beim EP. Das gilt übrigens auch für das nicht weniger neue Parlamentsgebäude in Straßburg, dem ersten Sitz der Volksvertretung. Die Abgeordneten pendeln zwischen beiden Städten hin und her. Gewiß, die Aufteilung sei sinnlos, meint Diekmann. Das Parlament würde am liebsten ganz nach Brüssel umziehen, aber das widerspreche den Interessen Frankreichs. Und deshalb werden auch in Zukunft die regulären Plenarsitzungen in Straßburg stattfinden, Ausschußberatungen und Fraktionssitzungen dagegen in Brüssel. Daß die hohen Baukosten der neuen Gebäude, die beide in der ersten Jahreshälfte 1998 fertiggestellt wurden und zusammen rund 3 Mrd. DM kosteten, nicht nur öffentliches Wohlwollen auslösten, versteht sich von selbst. Gleichwohl, Diekmann lieferte Details: jeder Abgeordnete verfügt im Brüsseler Gebäude über ein eigenes Büro, ein Assistentenbüro und eine Naßzelle, wobei allein die Dusche 12600 DM kostet. Nächster Programmpunkt: die EU-Kommission. Auch hier
wird der Begriff »Transparenz« seit geraumer Zeit ganz groß
geschrieben. 30000 Besucher empfängt die Kommission pro Jahr. Sie
will ihr Image als bürgerferne Überreglementierungsmaschinerie
loswerden.
Stefan Hintermeier
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