zeitschrift der historiker und 
politologen der uni münchen 
 no.8 sommersemester 1999
 
 Deutsche Normalität im Winter 1998/99
 
 Eine der schönen Forderungen der Antifa der siebziger und achtziger Jahre ist in jüngerer Zeit leider etwas aus der Mode gekommen: „Nazis raus !“ schmückt nur noch selten Häuserwände; auch aus der öffentlichen Diskussion scheint sie verschwunden. Wahrscheinlich wegen der mächtigen Sachzwänge der Politik: Parlamentarier genießen schließlich Immunität und sind deshalb schwer rauszuwerfen.Dabei haben sich einige sogenannte Volksvertreter in den letzten Wochen derart mit rechtslastigen Parolen in den Vordergrund gespielt, daß sich die sofortige Umsetzung der oben genannten Forderung lohnte. Und als sei die Christliche Union allein nicht schon groß genug, fühlten sich einige Nicht-Parlamentarier bemüßigt, ebenfalls für die deutsche Sache in die Bresche zu springen. Und so spielten Walser und Stoiber in den letzten Wochen ihre ganz eigene Form von Doppelpaß - ein kommentierter Überblick über die weiterhin aktuelle Debatte:
 
Politik vermittelt sich zum großen Teil in Bildern. Wer’s nicht glaubt, der sollte während einer Polit-Talkshow mal den Ton des Fernsehers runterdrehen: rote Köpfe, zappelnde Hände und empörte Gesichter kämpfender Menschen - Politikergesten ohne Ton. Ohne daß die em-sigen Kämpfer auch nur ein Wort sagen, das Ziel ihres Kampfes ist klar: Wählerstimmen gewinnen. Ein beeindruckendes Schauspiel, das sehr humoristische Züge trägt. Ein großer Spaß.
Der allerdings vergeht schnell, wenn man den Ton wieder einschaltet. Von „deutscher Identität“, von einer „Gefahr für den inneren Frieden“ des Landes, von einer „Einbürger-ungswelle ohne Beispiel“ wird derzeit palavert, wenn Unionspolitiker gegen die doppelte Staatsbürgerschaft wettern. Bilder, Sprach-bilder sind das, die alles andere als spaßig sind. Der Grund für die populistische Kampf-prosa ist offensichtlich: Vor allem die Union vermutet ihre potentiellen Wähler am rechten Rand der Gesellschaft. Daß der normale Deutsche sich vorzugweise dort aufzuhalten scheint, lehrt ein zweites Beispiel medial vermittelter Politik: Martin Walser und seine sogenannte Friedenspreisrede. Sie hat das unschöne Vorspiel geliefert für die Mili-tarisierung der Sprache, die wir zur Zeit erle-ben. Peinlicher Höhepunkt dieses Vorgangs: das Thesenpapier der CSU zur Doppel-staatsbürgerschaft.
Verfaßt hat es der Bundestagsabgeordnete Wolfgang Zeitelmann, Vorsitzender des Arbeitskreises Innen und Recht der CSU-Landesgruppe in Bonn, der laut Süddeutscher Zeitung vom 9.Januar „gleichermaßen für groben Umgang mit der deutschen Sprache wie mit Ausländern bekannt ist“. Dementsprechend haut er auch drauf auf den „ideologischen Reformwahn von Rot-Grün“. Die „Einbürgerung zum Nulltarif“ bringe Deutschland eine „ Zuwanderungswelle mit unabsehbaren Ausmaßen“. Dagegen werde die CSU „Widerstand an vorderster Front organisieren“ und die „Bevölkerung mobilisieren“. Diese Kriegs- und Naturkatastrophen-Metaphorik erinnert sehr an DVU-, NPD- oder Republikaner-Programme und zeigt auf erschreckende Weise, in welch brauner Soße die CSU derzeit schwimmt.
Besonders perfide daran ist, daß die Union ihrem populistischen Rechtsruck noch die weiße Weste der Integration überhängt. Dabei war es ihr sechzehn Jahre lang egal, wie integriert in Deutschland lebende und Steuern zahlende Ausländer sind. Und es ist ihnen auch heute noch egal - genauso wie eine sachliche Auseinandersetzung über die Vor- und Nachteile der doppelten Staatsbürgerschaft. Selten klang das Wort „Integration“ so sehr nach Hohn wie von den Herren Glos, Zeitelmann oder Huber.
Sie sind der Beweis, daß Deutschland schon so normal ist, wie z.B. das „Schlußstrich Arschloch Walser“ (Maxim Biller) es fordert. Walser steht auf der anderen Seite des deutschen Doppelpasses, den er sich mit Leuten wie Zeitelmann zuspielt - auf der angeblich intellektuellen Seite: „Im Grunde poetisiert Walser die Linie der Jungen Freiheit - mag er diese Zeitung nun kennen oder nicht“, beschreibt Gerhard Scheid in der jungle world  vom 23.12 die Vorgänge rund um die Friedenspreisrede. Martin Walser und seine Kameraden liefern das ideologisch-intellektuelle Gedankengut für die deutsche Normalität: Ausschwitz dürfe nicht länger als Moralkeule benutzt werden, die Erinnerung an den millionenfachen Mord in den Konzentrations-lagern solle Privatsache werden, forderte Walser - unterstützt u.a. von Klaus von Dohnany und Frank Schirrmacher. Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrats der Juden in Deutschland, hat ihn deshalb als „geistigen Brandstifter“ bezeichnet. Zur CSU hat er sich noch nicht geäußert. Grund genug gäbe es.

„Ich will mir nicht vorschreiben lassen, wie ich mich zu erinnern habe“ hat Walser gesagt. Er will es selber vorschreiben. „Die Vergangenheit wird durch die Innerlichkeit, die schöne Seele entsorgt“, kommentiert Scheid in seinem Artikel. Auschwitz wird ins Private gerückt.
Das ist das Erschreckende an der deutschen Normalität im Winter 1998/99: Forderungen, Thesen und Methoden aus schwer rechtslastigen Organen und Gruppierungen finden Zugang in die parlamentarische und auch in die außerparlamentarische Arbeit der Union: Unterschriften gegen die doppelte Staatsbürgerschaft. Wenn es mit parlamentarischen Mehrheiten nicht klappt, erinnert sich die CDU/CSU an ihre vermeintliche Apo-Tradition und befragt das Volk.  Eine merkwürdige Vorstellung von Demokratie, die fatal an das 1993 von Jörg Haider initiierte Volksbegehren „Österreich zuerst“ erinnert. Vielleicht macht der Vergleich mit dem Rechtspopulisten Haider deutlich, in welches Fahrwasser sich die Union begeben hat: Sie rückt ganz bewußt ganz nach rechts. Daß das eine neue Qualität hat, beweist die Tatsache, daß dieses Mal offenbar sogar das Image Deutschlands angekratzt werden darf. Die Wahrung dessen, was die Union unter deutscher Identität versteht, scheint ihr wichtiger als die Außenwirkung der Deutschen. Im Ausland werden die Diskussionen in dem Land, das in diesem Jahr die EU-Ratspräsidentschaft innehat, kritisch verfolgt. So kommentiert The Independent on Sunday aus London: „Deutsche haben etwas Besonderes. Es ist in ihrem Gencode festgelegt und zeichnet sie vor allen anderen Völkern der menschlichen Rasse aus. Generationen von Einwanderen haben sich diese spezielle DNA-Information nicht aneignen können. Das zumindest ist die Ansicht des deutschen Gesetzes, unverändert seit fast 1913. (...) Ausländern Pässe zu geben, das würde bedeuten, die Gastarbeiter-Ideologie aufzugeben. Die ,Gäste’ könnten nicht länger rausgeworfen werden, wenn die Gastgeber ihrer müde geworden sind.“
Wie schön wäre es, würden doch endlich die Stimmengeber ihrer sogenannten Vertreter müde. Dann wären die Hubers, Stoibers und Zeitelmanns endlich so ruhig wie beim Fernsehen ohne Ton. Doch ihre Wähler sind gnadenlos, sie drehen den Ton auf und geben ihnen Stimme.

Dirk von Gehlen
Die amerikanische Regierung übte offene Kritik an der bis dato unklar formulierten außenpoli-tischen Haltung des Kanzlerkandidaten Schröder. Deshalb versuchte Bill Clinton bei seinem Besuch im Mai, den Rücken des Rekordkanzlers zu stärken. Er betonte die Rolle der deutschen Regierung im europäischen Einigungsprozeß und der Osterweiterung der NATO. Für Amerika war Helmut Kohl stets ein verläßlicher Partner in sicherheitspolitischen Fragen; Unsicherheit und Skepsis herrschte dagegen im Hinblick auf die außenpolitischen Prämissen der möglichen Koalition. Welche Belastungen würden durch einen Regierungs-wechsel und eine unerfahrene rot-grünene Koalition auf die USA zukommen? 
Genügend Gründe für Gerhard Schröder, eine Klarstellung herbeizuführen. Der Kanzlerkan-didat besuchte noch im August vor der Wahl Washington D.C., um an der Georgetown University zu seiner außenpolitischen Haltung Stellung zu nehmen.
Sechs Münchner Studenten des GSI hatten das Glück, im Rahmen des Symposiums U.S. Foreign Policy in Transition, das von PD Dr. Stephan Bierling alljährlich angeboten wird, vor Ort zu sein und Schröders commitment zur Kontinuität in der transatlantischen Partner-schaft live mitzuerleben.
Die engen Beziehungen zwischen der Bundes-republik und den Vereinigten Staaten waren stets und werden auch zukünftig ein bedeu-tendes Element der deutschen Außenpolitik sein, betonte Schröder gleich zu Beginn seiner Rede. Mit Blick auf die Diskussionen zur Entwicklung der NATO versicherte er den USA eine kooperative Haltung. Schröders Ausführ-ungen zeugten bereits von dem Staatsmann, als der er sich nach der Wahl präsentierte: Der Kanzlerkandidat gab sich eloquent, selbstsicher und vermochte die anfangs skeptischen Blicke anwesender amerikanischer Politiker im Laufe seiner Rede zu entspannen. Nach diesem Auftritt konnte man sich eines außenpolitischen Wechsels gar nicht mehr so sicher sein. Alles deutete darauf hin, daß Deutschland auch unter einer Regierung Schröder nicht aus der Reihe tanzen würde. 
Dementsprechend freundlich wurde Schröder dann auch bei seinem Antrittsbesuch im Weißen Haus im Oktober empfangen. Präsi-dent Clinton signalisierte nach der Bundes-tagswahl, daß er in Deutschland weiter einen „wichtigen Verbündeten“ sehe und die engen bilateralen Beziehungen auch nach dem Ab-gang seines „Freundes“ Kohl intensiv zu pflegen gedenke. Trotzdem erwartete die amerikanische Regierung ein klare Haltung der SPD und der Grünen. 
In der Kosovo-Problematik und der Frage nach der Notwendigkeit einer UN-Resolution waren hingegen aus den Reihen der SPD und den Grünen unterschiedliche Stellungnahmen zu hören. So konnte Schröder die Skepsis vor allem gegen seinen Koalitionspartner nicht gänzlich vom Tisch räumen. Hauptanliegen der Grünen-Parteibasis, wie die Ablehnung der NATO-Erweiterung, stellen die von Schröder proklamierte Kontinuität der deutschen Außenpolitik in Frage. Schröder ist ange-wiesen auf die Überzeugungskraft seines Außenministers, der die Spaltung zwischen den Realos und Fundis zugunsten eines pragma-tischen Kurses überwinden könnte. 
Joschka Fischers Haltung zur kürzlich heftig debattierten Erstschlags-Option der NATO war diplomatisch klug vorgetragen. Er ist Realist genug zu wissen, wie die Machtgewichte in der NATO verteilt sind. Dabei vergißt er nicht, daß sich Deutschlands sicherheitspolitische Lage dramatisch geändert hat. Die unmittelbare atomare Bedrohung besteht nicht mehr. Fischers Haltung ist ein Zeichen für die Eman-zipation der deutschen Außenpolitik. Noch bis zum Ende der Kohl-Regierung konnte sich Amerika einer umseitigen kooperativen Haltung Deutschlands sicher sein. 
Die neue Regierung Schröder setzt auf mehr Selbstbewußtsein und weniger Unterordnung; eine neue Generation von Politikern vertritt Deutschland. Die legendäre Frage der Schuld und die damit verbundene Zurückhaltung Deutschlands in sicherheitspolitischen Fragen wird zwar nicht abgestreift, verliert aber an Betonung. Die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten werden dadurch keineswegs abge-schwächt. Auf der anderen Seite des Atlantiks muß man allerdings mit einem etwas verän-derten Auftreten der deutschen Regierung rechnen. Deutschland wird sich vor allem mit Joschka Fischer in Verhandlungen wider-borstiger verhalten und versuchen, eine orginär deutsche Position zu vertreten. 

Simone Dietrich