zeitschrift der historiker und 
politologen der uni münchen 
 no.8 sommersemester 1999
 
Der Preis, die Rede und Hitler - 
Vorläufer des 21. Jahrhunderts? 

Ein Nachtrag 

 
In deutschen Feuilletons wird in zur Zeit viel diskutiert: Über Selbstverständnis und zukünftiges Aussehen der »Berliner Republik«, die Rückkehr »deutscher Normalität«, Sinn und Unsinn eines nationalen Holocaustmahnmals. Martin Walser sprach in seiner Frankfurter Preisrede von einem kollektivierten und instrumentalisierten Empfinden von »Schande« und dem Unmut, der einen Deutschen befallen kann, der sich von Auschwitz, Juden und Kriegsschuld heute, ein halbes Jahrhundert danach, medial eingekreist und in Bedrängnis gebracht sieht. Zurecht hob ein Sturm der Empörung an ob des privat-öffentlichen »Nebelbekenntnisses« eines alemannischen Politikverächters, der eine heideggerisch anmutende Hermetik einer öffentlichen, »heuchlerischen« und dem »Mittelmaß« verpflichteten Demokratie vorzieht. Den Deutschen fehlt es also an Größe und Erhabenheit! Gut, daß wir daran erinnert wurden. 

 
Nun kann man die Debatte abhaken, indem man sie als eine der “»Kriegsgeneration« abtut; eine der 20er und 30er Geburtsjahrgänge, die den Sturm der 68er hatte über sich ergehen lassen müssen, und die jetzt, im »Weisenalter«, nach Gehör verlangen. Ihre zentrale Argumentation: Nach 50 Jahren bewährten demokratischen Verhaltens müsse man sich doch nicht noch immer mit der unseligen deutschen Nazivergangenheit belasten, als ob die deutsche Geschichte nur aus Katastrophe bestünde.  
Tatsächlich wäre es verfehlt, die NS-Zeit als die große Anomalie in der deutschen Geschichte hinzustellen und die Rückkehr zu Demokratie und Menschenrechten als eine Rückkehr zur »Normalität«. Die Darstellung des Naziregimes als einmaligem »Ausrutscher« ohne jeden Bezug zur Kontinuität deutscher Geschichte wäre erst recht verkürzt, verknappt, verfälscht. Sie würde irgendwann zu einer Debatte unter Historikern, wie die über den Dreißigjährigen Krieg beispielsweise.  
Aber was bezweckt Erinnerung? Warum ein Mahnmal bauen? Welche Bedeutung hat Hitler und sein Regime für uns heute, an der Wende zum 21. Jahrhundert? Diese Fragen müßten doch eigentlich im Zentrum der Diskussion stehen. Doch keiner der eifrigen Diskussionsteilnehmer rührte an diesen Kern. Und so konnte man es den Vielen nicht verübeln, daß sie die Debatte nicht berührte oder gar völlig egal war; schien sie doch abgehoben und ohne wesentlichen Realitätsbezug.  
Entlarvend war die Debatte allemal: Monika Marons Walser-Verteidigung in der Zeit mißglückte vollkommen und gab eher Anlaß zur Befürchtung, daß antisemitische Topoi noch immer tief im Denken der Deutschen verwurzelt sind. Wovor muß sich eigentlich eine so renommierte Schriftstellerin fürchten? Auch die völlig berechtigte Kritik Ignatz Bubis´ an Walsers Rede verlor leider vollkommen an Schärfe: Es gelang ihm nicht, seine Kritik aufrechtzuerhalten und stärker zu fundieren. Walser und seine Flakhelfer Augstein und von Dohnany gingen gestärkt aus der Diskussion hervor, mit ihnen alle, die im »braunen« Fahrwasser allzu leicht schwimmen. Da fällt einem Paul Celans »Todesfuge« ein und seine desaströse Begegnung mit Martin Heidegger. 
In »Hitler als Vorläufer - Ausschwitz der Beginn des 21. Jahrhunderts?« stellt sich der bayerische Schriftsteller Carl Améry der Frage der Bedeutung der faschistischen Vegangenheit für die Gegenwart. Das erstaunlich-schreckliche Ergebnis, zu dem er kommt, hätte die aktuelle Debatte bereichern können: Hitler und der Hitlerfaschismus beabsichtigten keine Abkehr von der Moderne und stellen damit keinen geschichtlichen Anachronismus dar, sondern versuchten »nur« auf eine konsequente Art und Weise, ein »Projekt der Moderne« zu vollziehen.  
Diese These schockiert den »modernen« Zeitgenossen: Hitler - ein Moderner? Ein Monster aus unserer Mitte? Die These ist nicht so abwegig, wie sie zunächst erscheinen mag. Carl Améry legt in seiner Schrift schlüssig dar, warum. Zunächst ist es aber für Améry wichtig zu sagen, daß »Hitler« keineswegs eine unvermeidbare deutsche »Naturkatastrophe« gewesen sei. Er bestreitet, daß er als Phänomen unerklärbar sei, indem er scheinbar zu allem, was uns heilig und wert erscheint (nämlich der Wertekontext der sogenannten »westlichen Welt«), in offenen Widerspruch stand.  
Hitler präsentiert sich uns heute als ein Dämon, als »schwarzer Fürst«, oder wie Améry formuliert, als »leises Grauen im Draculapalast«. Carl Amérys Schrift ist dennoch weit davon entfernt einen Beitrag zur »Hitlerdämonie« zu leisten; auch will sie keinen Schlußstrich ziehen. Améry betont hingegen die noch immer währende Aktualität der Naziideologie, wie sie Hitler in Mein Kampf darlegte und im »Generalplan Ost« zu verwirklichten suchte.  
Améry will aufklären. Das mag naiv klingen, nach der Niederschrift einer »Negativen Dialektik der Aufklärung« durch Adorno und dem Einzug der Postmoderne. Man kann in Amérys Essay diese Naivität durchaus erkennen, wenn man will; etwa in der Einfachheit und Klarheit seiner Sprache. Aber eben jene Klarheit ist seinen Anliegen zuträglich. Ein Beispiel: »Es gilt zu fragen, ob eine Dimension seiner, der hitlerschen, schrecklichen Wirklichkeit übersehen oder verdrängt wird, welche die alten Muster radikal aufhebt. Solche Fragestellung ist immer schmerzhaft; aber sie erspart uns erstens die feige Kapitulation vor einem ‘Naturereignis’ und stellt damit die Würde unserer Rationalität wieder her, und sie kann zweitens dabei helfen, mögliche Bedingungen für Draculas Wiederkehr zu bestimmen und sie dadurch unwahrscheinlicher zu machen.« 
Jene Dimension einer »schrecklichen Wirklichkeit«, die jederzeit wieder aktuell zu werden droht, liegt in den Grundannahmen der Hitlerideologie. Eine zentrale Prämisse für Hitlers Lebensraum- und Rassenpolitik bildete die Idee der Ressourcenknappheit als Bedrohung jeden expandierenden Volkes. Also galt es, die Herrschaft über die bestehenden Ressourcen und deren Ausbeutung für das deutsche Volk, die »Herrenrasse«, zu gewinnen. Andere Völker oder »Rassen« hatten sich unterzuordnen, so sie nicht vernichtet werden wollten. Daß dabei die Juden die schlechtesten Karten gezogen hatten, erklärte sich aus ihrer »besonderen« Stellung in Hitlers »Rassenwelt«. 
Dabei spielte eine zweite Annahme eine Rolle, die sich aus den gegen Ende des 19. Jahrhunderts modern gewordenen naturwissenschaftlichen Selektionstheorien ableiten ließ: Diesen zufolge ist Auslese ein Strukturmerkmal der biologischen und genetischen Entwicklung von Leben. Unter diesem Gesichtspunkt bedeutete Fortschritt nichts als die Überlebensbedingungen für eine »Volksgemeinschaft« dauerhaft zu sichern, im Falle Hitlers für mindestens 1000 Jahre (»Tausendjähriges Reich«). Alle »Faktoren«, die diesem »Überleben« hinderlich waren, galt es auszuschalten. Nicht zuletzt war dies für Naziideologen eine Frage der »Hygiene«.  
Hygienegründe leuchteten jeder Hausfrau und jedem Arzt ein. Diese uns heute verrückt und verbrecherisch anmutenden Vorstellungen waren aber nicht nur zu Beginn des Jahrhunderts, en vogue; sie sind heute noch Bestandteil unserer sogenannten »Moderne« oder »Postmoderne«! Wie das?  
Erstens spielt spätestens seit dem Bericht des Club of Rome, Anfang der 70er Jahre, die Frage der Ressourcenknappheit eine zentrale Rolle in ökonomischen Planspielen der Nationalstaaten und großen Konzerne. Geopolitik, als Konsequenz der sogenannten Globalisierung, erfährt dabei wieder eine Aufwertung. Dazu tragen die ökologische Dimension des Problems und demographische Fragen (Stichworte: Bevölkerungsexplosion und Migration) verschärfend bei. Man muß sich nur die militärischen Konflikte, Umwelt- bzw. Flüchtlingskatastrophen in den 90er Jahren vor Augen halten. 
Zweitens ermöglichen die neuen Entwicklungen in der Humanforschung und der Genetik neue, »subtilere« Formen der Selektion, verglichen mit den primitiven Eugenikprogrammen (»Euthanasie und Zucht der Herrenrasse«) der Nazis: Das Klonschaf »Dolly«, die Kuh »Uschi«, pränatale Diagnosetechniken - die im Film Gattaca projezierte Zukunft hat schon begonnen.  
Drittens kommt der Begriff der »Hygiene« wieder ins Spiel: Man denke nur an die angeblich in deutsche Gärten »scheißenden, verlausten Asylanten« von Rostock, an die Utopie einer »sauberen Umwelt«, an den Gebrauch des Wortes fitness sowohl für die Wirtschaftlichkeit eines Unternehmens als auch die körperliche Gesundheit des Managers oder Arbeitnehmers. Arbeitslose oder Sozialhilfeempfänger sollen für Reinigungsarbeiten zur Verfügung stehen. Arbeit macht sauber!  
Das heißt, und Carl Améry zeigt dies: Die in Hitlers Mein Kampf niedergeschriebenen »wirren«, »kranken« oder wie auch immer zu bezeichnenden Vorstellungen, sind heute noch präsent, so sehr sie auf anderen »Tatsachen« beruhen. Sie bergen damit die Gefahr einer neuen Form von »Hitlerfaschismus« in sich. Diese Gefahr wird gegenwärtig, wenn es einem Einzelnen oder einer Gruppe gelingt, sich als Vollstrecker vermeintlicher Naturgesetze (Begrenztheit und Kampf um Ressourcen, »natürliche« Selektion) zum Herr über einen Teil der Menschheit aufzuschwingen. So abwegig ist das nicht, denn »das Subjekt Herrenrasse ist auswechselbar. Wem es gelingt, die Herrschaft zu erringen, der bestätigt das aristokratische Prinzip, das Prinzip der darwinistischen Auswahl, das Prinzip der grausamen Königin aller Weisheit. Der setzt darüberhinaus das uralte Gesetz der Barbarei wieder in Kraft: die ‘Anderen’ sind nicht von vornherein Menschen, nicht die Teilhaber am aristokratischen Subjekt.« 
Hitler als Vorläufer des 21. Jahrhunderts? Eine nicht unwahrscheinliche Möglichkeit, so es uns nicht gelingt, eine humane Botschaft anstelle einer sozialdarwinistischen zu finden - als Lösung für das Überleben der gesamten Menschheit auf dem Planeten Erde angesichts fortschreitender Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen.  
Am Schluß seines Essays schlägt Carl Améry seine Lösung vor. Einschränkend sagt er: »Wenn es überhaupt noch darum geht eine globale Formel zu finden, dann lautet sie: Der Mensch kann die Krönung der Schöpfung bleiben - wenn er begreift, daß er sie nicht ist.« Carl Améry wäre ein würdiger Preisträger gewesen. Sein Alter zumindest hätte gestimmt. Er wurde 1922 geboren. 
Mario Beilhack