![]() |
|
| Das neue Jahrtausend
Alles wandelt sich hin zur alten
Mitte
|
| Sekten verkünden die Rückkehr des Messias
oder den bevorstehenden Weltuntergang, Politiker sprechen vom Aufbruch
zu neuen Ufern oder warnen vor den Gefahren der »neuen« Zeit.
Die Jahrtausendwende steht bevor. Bereits eingetroffen sind ihre Vorboten:
Die Reisebureaus melden die hoffnungslose Überbuchung von New York
und Paris; der Devotionalienhandel blüht; die mediale Versorgung zurück-
und vorausblickenden Inhalts ist gesichert.
|
| Zweitausend Jahre ist es dann her, daß Gott, der
bis dahin allein als Heiliger Geist gewirkt hatte, sich als Jesus von Nazareth
auf die Erde gebar. Nun ist dieser Jesus Urheber und zentrale Gestalt des
Christentums; die auf ihn bezogene Zeitrechnung führte jedoch erst
Papst Gregor XIII. im Jahre 1582 ein. In seiner Anordnung zur Zeitumstellung
mußte Gregor zehn Tage des bis dato geltenden Julianischen Kalenders
streichen, um so dessen Rückstand gegenüber dem tatsächlichen
Sonnenjahr wettzumachen.
Willkürliche Zeitrechnung Damit nicht genug: Im Jahr 3333 wird es erstmals nicht mehr gelingen, die »Sonnenzeit« durch Schaltjahre auszugleichen: Ein zusätzlicher Tag muß her. Die Willkür unserer Chronologie ist offenbar: Die »alten« Römer zählten zurück bis 753 v. Chr., bis ins Gründungsjahr der Stadt, in die von da an alle Wege führen sollten; Caesar war die zeitraubende Aneinanderreihung der altitalienischen Ziffern leid und wählte 45 v. Chr. zum Jahr X; in der islamischen Geschichte galt das Jahr der Hedschra 622 n. Chr. als das »Nullte«; der jüdische Kalender datiert die Gegenwart schon auf 5760! Warum also soviel Aufhebens um ein Datum, das auch anders lauten könnte? Willkürlich oder nicht die Zahl wird nun mal »rund«. Und weil die Zeit danach wieder lange ungebügelt daherkommt, wird der Markstein akzentuiert. Nun ist diese Zeitgrenze selbst ein konstruierter Wendepunkt ohne wirkliche Substanz (das Datum »schlägt« einfach um). Dennoch: sie durchschneidet das Zeitkontinuum und erfindet so ein Davor und Danach. Sie scheidet Zukunft und Vergangenheit. Zeit der Prophezeiungen und Programme Es ist die Zeit der Schlußstriche und Kassenstürze,
der Prophezeiungen und Programme. Der Mensch scheint, halbwegs bewußt,
die Tür ins nächste Jahrtausend selbst öffnen zu wollen.
Überall ist von Wandel und Wechsel zu hören, von Reform und Neuanfang.
Da des Menschen Zeit sich wendet, will dieser am Umbruch beteiligt sein;
so gilt es, die Modifikationen selbst zu finden.
Risiko. Das realistische Spiel um Machterhalt und -expansion
scheint etwas aus der Mode. Francis Fukuyama schrieb schon 1992 vom »Ende
der Geschichte« und dem finalen Triumph der freien-Märkte-Demokratie
über die Ideologien, die im Gewand des Faschismus und Kommunismus
seit den Zwanziger Jahren agitierten. Allerdings ist diese Hoffnung nicht
neu: Bereits 1960 verkündete Daniel Bell das »Ende der Ideologien«,
wenngleich mit wenig überzeugender Evidenz.
Risiko: Neue Weltordnung Mit dem Hochrüstungswahnsinn verließen auch
seine Protagonisten die Spielwiese. Nicht nur Stalin, Chruschtschow, Breschnew
sind gegenwärtig nicht mehr vorstellbar, gleiches gilt für Roosevelt
und Reagan. Ihre Kreuzzugsrhetorik und ihr tatsächlich kriegerisches
Treiben legitimierte sich in der harten Konfrontation des Kalten Krieges
und der Strategie des gegenseitigen roll back. Die Menschheit machte einen
gewaltigen Satz zurück, weg vom Abgrund der nuklearen Katastrophe.
Liebesspiele. Die dem Kommunismus zugrundeliegende gesellschaftstheoretische Idee ist unsterblich. (Kommunistische) Gespenster kann der gewiefteste Westernheld nicht erschießen. Eher wurde es narkotisiert. Es schläft - so lange, bis eklatantere soziale Mißstände es wieder wecken. Liebesspiele: Westen muß idealistischer sein Bis dahin darf der Kapitalismus einmal selbst idealistisch
sein. In idealistischer Tradition von Platon, Kant, Hegel schmieden Wilsonianists
der Neunziger fleißig Pläne für ein Jahrhundert ohne Krieg,
gemeinsame Konfliktregulierung auf internationaler Ebene, eine Weltregierung.
Kurz: für ein Jahrhundert der gelösten Weltprobleme durch die
gemeinsame Anstrengung ihrer Bewohner. Paul Kennedy, Jessica Tuchman Mathews,
Robert D. Kaplan... Sie alle sehen die Politik des 21. Jahrhunderts global
herausgefordert und mögliche Lösungsstrategien damit notwendig
international angelegt. Nur wenn die Welt an einem Strang ziehe, könne
man die weltweite Streuung von Massenvernichtungswaffen, Kriege ungeahnten
Ausmaßes und unvorstellbarer Brutalität, Flüchtlingswellen
und Umweltdisaster verhindern. Selbst der realistische Großmeister
Henry Kissinger gesteht ein, zur Beherrschung des politischen Chaos brauche
der Westen zumindest eine Prise Idealismus.
Monopoly: Kalter Frieden Monopoly. Edward Luttwak sieht die zukünftige globale Konfliktaustragung nicht mehr dominiert von sicherheitspolitischen Strategien, sondern betont geoökonomisch. Unterstützt vom neoliberalen Dogma der offenen Märkte, die sich selbst regulieren, streiten die Aktiven um die Dominanz auf dem Weltmarkt. Jeffrey E. Garten sieht am Zunder-Horizont einen »Kalten Frieden«, den die USA, Japan und Deutschland versuchen werden zu gewinnen (die anderen versuchen wenigstens nicht auszuscheiden). Ohne Zweifel hat längst die Ära ungehemmten Wirtschaftens begonnen das Spiel ist nicht neu, aber ein Bestseller. Amerikanische Konzerne halten Patente auf indisches Reissaatgut und Jahrtausende alte Rezepte für Gewürzingredienzen. Weltweit fusionieren Unternehmen zu gigantischen Imperien. Es entstehen Kartelle, die ähnlich den früheren Staatsbetrieben den Markt dominieren nur ist die ihre keine Herrschaft über den Binnenmarkt mehr, sondern eine globale. Die global players regieren so inzwischen fleißig mit; dabei bedienen sie sich mal der politischen Vertreter, mal agieren sie an ihnen vorbei. Die geschicktesten unter ihnen degradieren die politischen Figuren zu Marionetten, wie unlängst in der Debatte über den deutschen Atomausstieg zu besichtigen war. Das staatliche Monopol an der Politik gerät ins Wanken auch wenn die Krisen in Asien, Rußland, Südamerika erst kürzlich den Ruf nach strengeren Spielregeln und politischen Schiedsrichtern wieder aufkommen ließ. Adventures: Schwächung staatlicher Autorität Adventures. Viele gehen weiter: Czempiel und Rosenau verwischen
die staatliche Grenze zu allen Seiten hin. Über sie hinaus und innerhalb
ihres Walls gäbe es längst mächtige politische Einheiten:
Die Globalisierung entscheidender Bereiche menschlichen Handelns und die
Verlagerung wichtiger Politikfelder auf transnationale Institutionen; Betonung
und gesteigerte Verwirklichungsansprüche des Individuums; verblaßende
gesellschaftliche Hierarchien und Strukturen; neue Kommunikationstechniken,
verstärkte Medienmacht und NGO´s; sie alle tragen zur Schwächung
staatlicher Autorität und ihrer politischen Vormachtstellung bei.
Puzzle: Viele Spielfelder Puzzle. Mit der Neuordnung der Weltpolitik hat sich also
tatsächlich ein Wandel vollzogen (teilweise versteckt; teilweise liegen
die Karten offen). Nur auf den ersten Blick scheint sie durch die sicherheitspolitische
Dominanz des Westens einfacher, durchschaubarer geworden. Tatsächlich
gibt es nicht mehr das eine Spiel, das es zu gewinne gäbe. Eher finden
wir ein Puzzle chaotisch aneinandergereihter Spiele vor. Es entsteht ein
Spielfeld von Haupt- und Nebenschauplätzen, deren Relevanz sich sprunghaft
ändern kann.
Positives vs. negatives Menschenbild Seit den Anfängen der menschlichen Evolution wuchs
mit dem technischen Fortschritt nicht allein die angestrebte Verbesserung
der menschlichen Lebensumstände, sondern auch die Kapazität zu
ihrer Zerstörung. Wie bei einem Staffellauf wechselten in der Kulturgeschichte
Anhänger eines positiven und Vertreter eines negativen Menschenbildes
widerwillig den Stab. Idealistische Pläne haben den Menschen zu allen
Zeiten geleitet. Ohne ihre Innovationen gäbe es keine Demokratie,
keine Individualrechte, keine Rassengleichheit, keine Emanzipation, keine
Menschenrechte nicht einmal auf dem Papier.
Das Spiel des Wissens: Akzeptanz beider menschlicher Naturen als neue Mitte Logik und Dekonstruktion haben eines gemeinsam: Sie bauen
philosophische Gerüste nur eben mit unterschiedlichen Vorzeichen.
Spiegelte man sie aufeinander, so wäre die Symetrieachse die tatsächliche
Welt, unerklärt und verborgen. Der Mensch scheint weder objektiv begabt
noch subjektiv allein (zumindest nicht mehr im Austausch mit anderen).
Seine Sprache sperrt ihn ein und macht ihn frei. Er wandelt sich stets
und bleibt immer derselbe. Welcher Wandel also?
Neuer Aufbruch zu alten Ufern Der zunächst inhaltsleere Begriff müßte
mit den Spielzielen Wohlstand, Frieden, ökologische Restauration
die Ziele sind so vielschichtig wie drängend - angereichert werden.
Wie in der nationalen Demokratie scheint der Selbstverzicht auf alles der
Spieleinsatz. Der Gewinn wäre der Schutz der Lebensgrundlagen und
rechte für alle Teilnehmer. In der Tat scheinen die Rahmenbedingungen
für einen wirklichen (Politik-)Wechsel selten so gut gewesen zu sein
wie im Moment.
In der Verknüpfung von zeitlichem Jahrhundert- und wirklichem geschichtlichen Wechsel stecken Erwartungen, Hoffnungen und Verzweiflung, Angst, auch der Wunsch nach Trost... Und das Verlangen nach einem Wechsel, die Aufforderung an die Politik, jetzt die Weichen zu stellen für eine gesicherte, »positivere« Zukunft. Zu guter Letzt sei angemerkt: Ein zweitausendjähriges Ereignisjubiläum können nur die Christen feiern; doch selbst die nicht: Nach neusten Erkenntnissen erblickte Christus sechs vor Christus die Bethlehemsche Sternennacht. Eigentlich war demnach 1994 »2000«. Passierte da Besonderes? Naja. Kohl wurde wiedergewählt, Arafat, Perez und Rabin erhielten gemeinsam den Friedensnobelpreis. Im Hinblick auf das Neue, Hoffnungsvolle also unentschieden. Vielleicht sollten wir es ja wirklich heuer noch einmal versuchen, mit der Zeitenwende und die Karten neu mischen. Alexander Ochs
|