zeitschrift der historiker und 
politologen der uni münchen 
 no.8 sommersemester 1999
 
Das neue Jahrtausend 
 Alles wandelt sich – hin zur alten Mitte
 
Sekten verkünden die Rückkehr des Messias oder den bevorstehenden Weltuntergang, Politiker sprechen vom Aufbruch zu neuen Ufern oder warnen vor den Gefahren der »neuen« Zeit. Die Jahrtausendwende steht bevor. Bereits eingetroffen sind ihre Vorboten: Die Reisebureaus melden die hoffnungslose Überbuchung von New York und Paris; der Devotionalienhandel blüht; die mediale Versorgung zurück- und vorausblickenden Inhalts ist gesichert. 
 
Zweitausend Jahre ist es dann her, daß Gott, der bis dahin allein als Heiliger Geist gewirkt hatte, sich als Jesus von Nazareth auf die Erde gebar. Nun ist dieser Jesus Urheber und zentrale Gestalt des Christentums; die auf ihn bezogene Zeitrechnung führte jedoch erst Papst Gregor XIII. im Jahre 1582 ein. In seiner Anordnung zur Zeitumstellung mußte Gregor zehn Tage des bis dato geltenden Julianischen Kalenders streichen, um so dessen Rückstand gegenüber dem tatsächlichen Sonnenjahr wettzumachen.

Willkürliche Zeitrechnung

Damit nicht genug: Im Jahr 3333 wird es erstmals nicht mehr gelingen, die »Sonnenzeit« durch Schaltjahre auszugleichen: Ein zusätzlicher Tag muß her. Die Willkür unserer Chronologie ist offenbar: Die »alten« Römer zählten zurück bis 753 v. Chr., bis ins Gründungsjahr der Stadt, in die von da an alle Wege führen sollten; Caesar war die zeitraubende Aneinanderreihung der altitalienischen Ziffern leid und wählte 45 v. Chr. zum Jahr X; in der islamischen Geschichte galt das Jahr der Hedschra 622 n. Chr. als das »Nullte«; der jüdische Kalender datiert die Gegenwart schon auf 5760!

Warum also soviel Aufhebens um ein Datum, das auch anders lauten könnte? Willkürlich oder nicht – die Zahl wird nun mal »rund«. Und weil die Zeit danach wieder lange ungebügelt daherkommt, wird der Markstein akzentuiert. Nun ist diese Zeitgrenze selbst ein konstruierter Wendepunkt ohne wirkliche Substanz (das Datum »schlägt« einfach um). Dennoch: sie durchschneidet das Zeitkontinuum und erfindet so ein Davor und Danach. Sie scheidet Zukunft und Vergangenheit.

Zeit der Prophezeiungen und Programme

Es ist die Zeit der Schlußstriche und Kassenstürze, der Prophezeiungen und Programme. Der Mensch scheint, halbwegs bewußt, die Tür ins nächste Jahrtausend selbst öffnen zu wollen. Überall ist von Wandel und Wechsel zu hören, von Reform und Neuanfang. Da des Menschen Zeit sich wendet, will dieser am Umbruch beteiligt sein; so gilt es, die Modifikationen selbst zu finden.
Doch sind die Verstecke überhaupt existent? Wie ist es bestellt um den state of the world? Gibt es berechtigten Anlaß zur Hoffnung auf Wandel und Wechsel, auf eine wirkliche Wende, die die Kriegspolitik der letzten Jahrtausende überwindet?
Die Spieltheorie behauptet Parallelen von politischen und sozialen Handlungen und dem menschlichen Verhalten im Spiel. Demnach können Spiele uns helfen, die Welt zu verstehen. Spielen wir.

Risiko. Das realistische Spiel um Machterhalt und -expansion scheint etwas aus der Mode. Francis Fukuyama schrieb schon 1992 vom »Ende der Geschichte« und dem finalen Triumph der freien-Märkte-Demokratie über die Ideologien, die im Gewand des Faschismus und Kommunismus seit den Zwanziger Jahren agitierten. Allerdings ist diese Hoffnung nicht neu: Bereits 1960 verkündete Daniel Bell das »Ende der Ideologien«, wenngleich mit wenig überzeugender Evidenz.
Auch ist das real praktizierte Weltsystem »Kommunismus« noch nicht ganz verschwunden; sein Zerfall hingegen Fakt: China, letzte Volksrepublik von militärischer Bedeutung, öffnet sich dem Westen und zeigt sich zunehmend kooperativ. Wo Kommunismus noch in seiner ursprünglichen und abgezäunten Form besteht, sterben ihm allmählich die Kommunisten weg - die Führungselite aus Altersgründen, das Volk vor Hunger. Jedenfalls gibt es kein evil empire mehr, das man fürchten müßte.
So war es ebenfalls 1992, daß George Bush seine »neue Weltordnung« erreicht sah: Gegen den Willen der USA als primus inter pares geht seitdem geopolitisch wenig bis nichts. Nuen ist eine solche Vormachtstellung einer Nation nicht originär neu; sie bedeutet aber unumstritten eine grundlegende Veränderung zur globalen militärischen Bipolarität des letzten halben Jahrhunderts sowie zur kriegerischen Aufrechterhaltung des Mächtegleichgewichts der vorangegangenen.

Risiko: Neue Weltordnung

Mit dem Hochrüstungswahnsinn verließen auch seine Protagonisten die Spielwiese. Nicht nur Stalin, Chruschtschow, Breschnew sind gegenwärtig nicht mehr vorstellbar, gleiches gilt für Roosevelt und Reagan. Ihre Kreuzzugsrhetorik und ihr tatsächlich kriegerisches Treiben legitimierte sich in der harten Konfrontation des Kalten Krieges und der Strategie des gegenseitigen roll back. Die Menschheit machte einen gewaltigen Satz zurück, weg vom Abgrund der nuklearen Katastrophe.
Ein Wandel der politischen Rahmenbedingungen ist also durchaus erkennbar. Noch warnt Kissinger vor einem deutlich instabileren multipolaren Staatensystem, McDougall mahnt seine amerikanischen Landsleute zur Besinnung auf nationale Stärke. Realisten aller Länder einigen sich im wesentlichen darauf, Staaten weiterhin als (alleinige) politische Handlungsträger zu akzeptieren und zu fördern. Doch dieses Brettspiel ist ein bißchen langweilig geworden. Und der Spieler, der trotz des feststehenden Sieges weiter spielen möchte, muß die Spielregeln zu seinen Gunsten manipulieren und macht sich bei den Mitspielern unbeliebt.

Liebesspiele. Die dem Kommunismus zugrundeliegende gesellschaftstheoretische Idee ist unsterblich. (Kommunistische) Gespenster kann der gewiefteste Westernheld nicht erschießen. Eher wurde es narkotisiert. Es schläft - so lange, bis eklatantere soziale Mißstände es wieder wecken.

Liebesspiele: Westen muß idealistischer sein

Bis dahin darf der Kapitalismus einmal selbst idealistisch sein. In idealistischer Tradition von Platon, Kant, Hegel schmieden Wilsonianists der Neunziger fleißig Pläne für ein Jahrhundert ohne Krieg, gemeinsame Konfliktregulierung auf internationaler Ebene, eine Weltregierung. Kurz: für ein Jahrhundert der gelösten Weltprobleme durch die gemeinsame Anstrengung ihrer Bewohner. Paul Kennedy, Jessica Tuchman Mathews, Robert D. Kaplan... Sie alle sehen die Politik des 21. Jahrhunderts global herausgefordert und mögliche Lösungsstrategien damit notwendig international angelegt. Nur wenn die Welt an einem Strang ziehe, könne man die weltweite Streuung von Massenvernichtungswaffen, Kriege ungeahnten Ausmaßes und unvorstellbarer Brutalität, Flüchtlingswellen und Umweltdisaster verhindern. Selbst der realistische Großmeister Henry Kissinger gesteht ein, zur Beherrschung des politischen Chaos brauche der Westen zumindest eine Prise Idealismus. 
Die »westlichen« Werte Freiheit, Demokratie, offene Märkte, uneingeschränkte Grund- und Menschenrechte sehen sich weniger denn je bedroht, doch weit von ihrer weltweiten Verwirklichung entfernt. Befreit von der Drangsal der Selbstverteidigung sehen viele in ihrer Durchsetzung das zukünftige Spielziel.

Monopoly: Kalter Frieden

Monopoly. Edward Luttwak sieht die zukünftige globale Konfliktaustragung nicht mehr dominiert von sicherheitspolitischen Strategien, sondern betont geoökonomisch. Unterstützt vom neoliberalen Dogma der offenen Märkte, die sich selbst regulieren, streiten die Aktiven um die Dominanz auf dem Weltmarkt. Jeffrey E. Garten sieht am Zunder-Horizont einen »Kalten Frieden«, den die USA, Japan und Deutschland versuchen werden zu gewinnen (die anderen versuchen wenigstens nicht auszuscheiden).

Ohne Zweifel hat längst die Ära ungehemmten Wirtschaftens begonnen – das Spiel ist nicht neu, aber ein Bestseller. Amerikanische Konzerne halten Patente auf indisches Reissaatgut und Jahrtausende alte Rezepte für Gewürzingredienzen. Weltweit fusionieren Unternehmen zu gigantischen Imperien. Es entstehen Kartelle, die ähnlich den früheren Staatsbetrieben den Markt dominieren – nur ist die ihre keine Herrschaft über den Binnenmarkt mehr, sondern eine globale. Die global players regieren so inzwischen fleißig mit; dabei bedienen sie sich mal der politischen Vertreter, mal agieren sie an ihnen vorbei. Die geschicktesten unter ihnen degradieren die politischen Figuren zu Marionetten, wie unlängst in der Debatte über den deutschen Atomausstieg zu besichtigen war. Das staatliche Monopol an der Politik gerät ins Wanken – auch wenn die Krisen in Asien, Rußland, Südamerika erst kürzlich den Ruf nach strengeren Spielregeln und politischen Schiedsrichtern wieder aufkommen ließ.

Adventures: Schwächung staatlicher Autorität

Adventures. Viele gehen weiter: Czempiel und Rosenau verwischen die staatliche Grenze zu allen Seiten hin. Über sie hinaus und innerhalb ihres Walls gäbe es längst mächtige politische Einheiten: Die Globalisierung entscheidender Bereiche menschlichen Handelns und die Verlagerung wichtiger Politikfelder auf transnationale Institutionen; Betonung und gesteigerte Verwirklichungsansprüche des Individuums; verblaßende gesellschaftliche Hierarchien und Strukturen; neue Kommunikationstechniken, verstärkte Medienmacht und NGO´s; sie alle tragen zur Schwächung staatlicher Autorität und ihrer politischen Vormachtstellung bei.
Wie in einem Abenteuerspiel könne sich der Einzelne heute aufmachen in eine Welt, die immer auch eine politische ist. Er kann unterschiedliche Wege einschlagen und Türen öffnen oder geschlossen lassen. Und wie auf dem Spielemarkt kommen ständig Erweiterungen in den Handel.

Puzzle: Viele Spielfelder

Puzzle. Mit der Neuordnung der Weltpolitik hat sich also tatsächlich ein Wandel vollzogen (teilweise versteckt; teilweise liegen die Karten offen). Nur auf den ersten Blick scheint sie durch die sicherheitspolitische Dominanz des Westens einfacher, durchschaubarer geworden. Tatsächlich gibt es nicht mehr das eine Spiel, das es zu gewinne gäbe. Eher finden wir ein Puzzle chaotisch aneinandergereihter Spiele vor. Es entsteht ein Spielfeld von Haupt- und Nebenschauplätzen, deren Relevanz sich sprunghaft ändern kann.
Risiko wird sofort wieder entscheidend sein, wenn sich der Westen in seiner Existenz bedroht sieht. Ein neues Feindbild ist schnell geschaffen. John Le Carré skizziert es in seinem Roman Our Game: »the demonization of Islam as a substitute for the anti-Communist crusade«. Neue Gesellschaftsspiele werden schnell wieder »in« sein, wenn der Kapitalismus in den Augen der Mehrheit versagen sollte (laut Club of Rome nicht unwahrscheinlich in den 30er und 40er Jahren des kommenden Jahrhunderts).  Der politische Fokus hat sich zunächst auf das (möglichst unpolitische) Monopoly eingestellt. Wie im Adventure wird sich der Einzelne zukünftig vehement ins politische Geschehen einmischen.
Der Mensch war dem Mitmenschen immer (wieder) ein Wolf. Zu aller erst geht es ihm stets um die Verteidigung der eigenen Sphäre. Don´t play God! schmettern die Realisten den idealistischen Träumern entgegen und verlangen die Konzentration aufs Althergebrachte, Bewährte, Eigene. 

Positives vs. negatives Menschenbild

Seit den Anfängen der menschlichen Evolution wuchs mit dem technischen Fortschritt nicht allein die angestrebte Verbesserung der menschlichen Lebensumstände, sondern auch die Kapazität zu ihrer Zerstörung. Wie bei einem Staffellauf wechselten in der Kulturgeschichte Anhänger eines positiven und Vertreter eines negativen Menschenbildes widerwillig den Stab. Idealistische Pläne haben den Menschen zu allen Zeiten geleitet. Ohne ihre Innovationen gäbe es keine Demokratie, keine Individualrechte, keine Rassengleichheit, keine Emanzipation, keine Menschenrechte – nicht einmal auf dem Papier.
Das Spiel des Wissens. Die Objektivität des Menschen ist unter dem Einfluß der Postmoderne und ihrer Vorläufer stark ins Wanken geraten. Doch auch Minimalphilosophie und Essayismus haben – sieht man genauer hin - stets den großen Wurf im Auge. 

Das Spiel des Wissens: Akzeptanz beider menschlicher Naturen als ‘neue’ Mitte 

Logik und Dekonstruktion haben eines gemeinsam: Sie bauen philosophische Gerüste – nur eben mit unterschiedlichen Vorzeichen. Spiegelte man sie aufeinander, so wäre die Symetrieachse die tatsächliche Welt, unerklärt und verborgen. Der Mensch scheint weder objektiv begabt noch subjektiv allein (zumindest nicht mehr im Austausch mit anderen). Seine Sprache sperrt ihn ein und macht ihn frei. Er wandelt sich stets und bleibt immer derselbe. Welcher Wandel also?
Vielleicht liegt hier der Schlüssel für ein zukünftiges, unkriegerisches Völkerspiel: In einer bewußteren Akzeptanz beider menschlichen Naturen. Die ideengeschichtlichen Extreme sind ja fürs Erste ins Abseits gestellt. Idealismus und Realismus könnten sich also in der Anerkennung von Gutem und Bösem im Menschen in einer »neuen« Mitte treffen.

Neuer Aufbruch zu alten Ufern

Der zunächst inhaltsleere Begriff müßte mit den Spielzielen Wohlstand, Frieden, ökologische Restauration – die Ziele sind so vielschichtig wie drängend - angereichert werden. Wie in der nationalen Demokratie scheint der Selbstverzicht auf alles der Spieleinsatz. Der Gewinn wäre der Schutz der Lebensgrundlagen und –rechte für alle Teilnehmer. In der Tat scheinen die Rahmenbedingungen für einen wirklichen (Politik-)Wechsel selten so gut gewesen zu sein wie im Moment. 
Dabei führen die Änderungen der Rahmenbedingungen zu einem neuen Aufbruch zu alten Ufern: Die »neue« Mitte ist in Wahrheit eine alte. Sie ist die Erkenntnis, daß alles einem Gut, einem Ziel zustrebt. Es ist das Credo des Maßhaltens und der Annahme der menschlichen Zweifaltigkeit aus Trieben, Bedürfnissen und Vernunftbegabung. Wir sind zurück beim aristotelischen Paradigma der Mesotes-Lehre.

In der Verknüpfung von zeitlichem Jahrhundert- und wirklichem geschichtlichen Wechsel stecken Erwartungen, Hoffnungen und Verzweiflung, Angst, auch der Wunsch nach Trost... Und das Verlangen nach einem Wechsel, die Aufforderung an die Politik, jetzt die Weichen zu stellen für eine gesicherte, »positivere« Zukunft. 

Zu guter Letzt sei angemerkt: Ein zweitausendjähriges Ereignisjubiläum können nur die Christen feiern; doch selbst die nicht: Nach neusten Erkenntnissen erblickte Christus sechs vor Christus die Bethlehemsche Sternennacht. Eigentlich war demnach 1994 »2000«. Passierte da Besonderes? Naja. Kohl wurde wiedergewählt, Arafat, Perez und Rabin erhielten gemeinsam den Friedensnobelpreis. Im Hinblick auf das Neue, Hoffnungsvolle also unentschieden. Vielleicht sollten wir es ja wirklich heuer noch einmal versuchen, mit der Zeitenwende – und die Karten neu mischen.

Alexander Ochs