zeitschrift der historiker und 
politologen der uni münchen 
 no.7 wintersemester 1998
 
Tragen wir den Tod zu Grabe!

Die Transzendierung der Sterblichkeit durch die gentechnische Doppelung des »Ichs«

 
 
 
 
Für das mittelalterliche Bewußtsein galt das irdische Leben als »Jammertal«, welches man durchschreiten mußte, um wahre Glückselig-keit erst im Jenseits zu erlangen. In der Re-naissance wurde das Individuum geboren, und mit ihm erwachte die Furcht vor dem Tod. Die Neuzeit entfaltete dann endlich die technischen und medizinischen Möglichkeiten, um den Lauf der Dinge zu beeinflussen – im Positiven wie im Negativen. Der Mensch eman-zipierte sich zunehmend von der Natur. Die Lebenserwar-tung stieg wie auch die Erwartung an das Le-ben. Nun scheint es, daß wir uns abermals an der Schwelle zu einer neuen Epoche befinden: Mit der Entschlüsselung der Geheimnisse des genetischen Codes haben wir endlich eine Möglichkeit gefunden, den Tod – diese »lästige Unterbrechung im Kreislauf der Wiedergebur-ten« – zu überwinden: Denn der Klon, die un-endliche Reproduzierbarkeit des »materiellen Kerns« unseres Selbst, verleiht wahre Unsterb-lichkeit. Auch für das bisher noch ungelöste Problem, wie wir unserem genetischen Doppel unser Bewußtsein und unser Gedächtnis einhauchen können, wird sich noch eine Lösung finden. Die Postmoderne entwickelt sich damit zur Postmortale. Das Jenseits wird diesseitig. Es ist das Zeitalter der Zeitlosigkeit.
Die wahrscheinlich negativen Auswirkungen auf die Uhrenindustrie – denn wer wird angesichts der Unendlichkeit des eigenen Daseins auf den Sekundenzeigen starren? – lassen wir bei unserer Betrachtung vorerst außer acht. Immerhin liegen wahrhaft paradiesische Zu-stände vor uns. Schließlich kann kein Zweifel bestehen: Mit der Abschaffung des Todes entledigen wir uns auch aller Menschheitspro-bleme. Die Bevölkerungsexplosion wird ge-stoppt. Es besteht dann nämlich keinerlei zwingender Grund mehr, sich »natürlich« – durch den ekelerregenden Austausch von Körper-flüssigkeiten und einen entwürdigenden, schweißtreibenden Akt der Animalität – zu reproduzieren. Der (eingefrorene) Klon verleiht Freiheit und vor allem Kontrolle. Zumindest aber das Umweltproblem wird sich wie von selbst, aus purem Egoismus lösen. Denn bisher haben wir doch nur alles verpestet und verwüstet, weil wir wußten, daß erst unsere Nach-fahren ausbaden müssen, was wir angerichtet haben. Einen Ast, auf dem wir tatsächlich selb-st sitzen, würden wir niemals absägen!
Und seinen wir ehrlich: Wir können uns eigentlich gar nicht vorstellen, wie die Welt ohne uns auskommen sollte. Andererseits: Was ist mit unseren »geschätzten« Zeitgenossen, jenen mißgünstigen, eigennützigen Heuchlern, die uns bereits jetzt Tag für Tag auf die Nerven gehen und die wahrscheinlich auch von der Möglichkeit des Klonierens Gebrauch machen würden? – Nun, es wird sich eine Lösung finden. Mit solch kleinlichen Einwänden halten wir uns nicht auf. Bedenken wir lieber die Vorteile: Statt im Altenheim vor uns hinzusiechen, können wir die (eigentlich nicht mehr existierende) Nachwelt mit unseren Lebensweisheiten be-glücken. Und es ist auch Schluß mit erbschleichenden Verwandten. Niemals müssen wir uns von unserem lieb gewordenen Besitz trennen! Ob es uns nicht vielleicht irgendwann langweilig werden könnte, dieses tägliche Einerlei, diese gnadenlose Unend-lichkeit unserer Existenz? Ja, langweilen Sie sich denn etwa? Es fragt sich, warum Sie dem Ganzen dann nicht schon jetzt ein Ende setzten. Ich kann nur sagen: Hauchen wir uns den Atem des ewigen Lebens ein! Genießen wir es in vollen Zügen! Nie war er/es so wertvoll wie heute!
Anil K. Jain