zeitschrift der historiker und 
politologen der uni münchen 
 no.7 wintersemester 1998
 
Weiterwursteln im Uni-Wust
Gespräch mit SZ-Redakteurin Christine Burtscheidt über Uni, Streik und das Geschwister-Scholl-Institut
 
 
 
 

 

Christine Burtscheidt ist in der Süddeutschen Zeitung als Redakteurin für Münchner Schulen und Hochschulen zuständig. Sie berichtete vom Streik an der LMU und immer wieder von verschie-densten Vorkommnissen am GSI. Ihre Artikel sorgten zum Teil für größeres Aufsehen und trugen ihr von verschiedenen Seiten Kritik ein. Frau Burtscheidt ist somit für die wenigen Nachrichten, die aus unserem Elfenbeinturm nach außen dringen, mitverantwortlich und prägt maßgeblich das Bild der Öffentlichkeit. Gründe genug, sie einmal nach den Hintergründen ihrer Berichterstattung, ihrer persönlichen Meinung und ihrem Bild des GSI zu befragen; zumal ihr Artikel: »Wo Grabenkriege und böse Geister herrschen« vom 4.06.97 institutsintern für gehörigen Wirbel sorgte. Dieser Artikel, anläßlich der Landtags-Petition der Fachschaft Politik gegen die Streichung der Professur des verstorbenen Heinz Laufer veröffentlicht, geriet zu einer Generalabrechnung mit den »Mißständen am Institut«. Der Position der Institutsleitung, die über die untragbaren Betreu-ungszustände (sieben Professoren auf 3288 Studenten) klagte, wurde die des Kultusministeri-ums, das den »dringenden Wunsch hatte, das GSI endlich zu befrieden«, gegenübergestellt: Es bemängelte die geringe Anzahl von Abschlüssen und die wenig bedeutende Forschung am GSI. Als Beispiel für Reformwilligkeit wurde im weiteren Verlauf des Artikels das Reformkonzept Prof. Kratochwils umfassend erläutert. Indiz für die Reformunwilligkeit des Instituts stellte die Art und Weise dar, in der Kratochwils Reformvorschläge, insbesondere durch Prof. Mayer-Tasch, torpe-diert wurden. Gerade die allseits bekannten esoterisch-astrologischen Aussagen und Wertungen Mayer-Taschs nahmen breiten Raum ein und warfen selbstredend kein gutes Licht auf die Zu-stände an einem Institut, an dem Reformvorschläge an »Debatten über böse Geister« scheitern. 
Das Gespräch fand am 27.5.98 in den Räumen der SZ an der Sendlinger Straße statt.
 

hp: Welche Erinnerung haben Sie an Ihre Studienzeit?
Christine Burtscheidt: Im Grunde genommen, vor allem die, daß ich nicht wußte, was auf mich zukommt, weil es eine schlechte Bera-tung gab. Es war alles sehr unübersichtlich, und man fühlte sich in diesem Chaos völlig auf sich selbst gestellt. Das Positive an meinem Studium war, daß ich sehr nette Leute kennen-gelernt habe, und daß wir dann eine Gruppe hatten, die versuchte, das Chaos gemeinsam zu strukturieren und mit guten Dozenten zu-sammen zu arbeiteten.
hp: Wo liegt der größte Kritikpunkt?
Burtscheidt: Ich würde schon sagen, in der Praxisferne. Es gibt hier bei uns in der Zeitung, wenn man sagt, man habe Germanistik stu-diert, erst einmal Hohngelächter, weil Germa-nisten in der Regel den Ruf haben, ihr Hand-werk nicht gelernt zu haben. Ich werfe den Unis vor, daß sie den Studenten der Geistes-wissenschaften zum Teil sehr altertümliche Inhalte vermitteln, mit denen die meisten im späteren Berufsleben konkret wenig anfangen können. 
hp: Also nichts gelernt im Studium?
Burtscheidt: Es gibt ja auch immer wieder gute Dozenten... Natürlich lernt man das selbständige und logisch analytische Arbeiten, vorausgesetzt man hat die Disziplin, sich durch diesen ganzen Wust durchzubeißen. Sicherlich bleiben aber viele auf der Strecke, die diesen Biß nicht haben. Das ist schon sehr sozial-darwinistisch.
hp: Kommen wir zu Ihrer Berichterstattung: Suchen Sie sich die Themen selbst?
Burtscheidt: Den Großteil der Themen finde ich selbst. Zwar gibt es eine Chronistenpflicht, weshalb ich auch Pressekonferenzen wahr-nehme. Aber das meiste läuft über persönliche Kontakte, also Gespräche mit: Dem DfG-Präsidenten, dem Wissenschaftsratsvorsitzen-den, den Hochschulrektoren, Studenten... Es ist eine lange mühselige Arbeit, sich in diesen irrsinnig großen Institutionen einen Durchblick zu verschaffen und herauszufinden: Wer vertritt welche Positionen, wen ruf ich wann an.
hp: Suchen die Leute umgekehrt auch zu Ihnen Kontakt?
Burtscheidt: Hat man den Kontakt einmal auf-gebaut, werden auch Informationen an einen herangetragen. Natürlich gibt es immer Kritiker, beispielsweise zum ersten Entwurf zur bayer-ischen Hochschulreform – da wird einem dann auch einmal etwas gesteckt. Das kann man dann vorstellen, kommentieren und so in die Debatte eingreifen. Das Entscheidende im Journalismus ist, daß man Kontakte pflegt.
hp: Stellt Ihre Münchner Biographie (eine Münchner Schule besucht, an der LMU studiert) einen Vorteil, nämlich Kenntnis des hiesigen Unibetriebes, oder einen Nachteil, Voreingenommenheit, dar?
Burtscheidt: Es gibt ja das Gerücht, daß ich schlechte Erfahrungen gemacht hätte und mich an der Uni rächen wollte. Das ist völliger Blöd-sinn. Ich stehe der Uni an sich positiv gegen-über. Nur habe ich in einem geisteswissen-schaftlichen Fach Zustände vorgefunden, die ich für sehr reformbedürftig halte. Das ist natür-lich eine subjektive Erfahrung, die mich geprägt hat und dazu führt, daß ich mich für eine re-formerische Seite einsetze. Wie eine Reform zu laufen hat, darüber kann man debattieren.

Kniefall vor dem Establishment

hp: Fällt da ausgewogene Berichterstattung  schwer?
Burtscheidt: Man muß sich davon verabschie-den, daß es eine absolut ausgewogene Be-richterstattung gäbe. Die Meinung mancher Personen, man habe es sich wohnlich in dieser Massenuniversität eingerichtet, kann ich eben nicht teilen. Auf der anderen Seite lasse ich auch diese Stimmen sehr wohl zu Wort kom-men und führe dazu Interviews. Dabei bin ich bemüht, meine eigene Meinung zurückzuhalten.
hp:. Die Studenten fanden ihre Berichterstat-tung zum Streik unausgewogen.
Burtscheidt: Ich hatte den Eindruck, daß der Großteil der Studenten sich mit der Hochschul-reform vor dem Streik nicht beschäftigt und kaum wahrgenommen hatte, was in der Zeitung bereits zuvor geschrieben worden war. Ich habe die Vorhaben der bayerischen Staats-regierung lange zuvor dargestellt und kommen-tiert. In unserer schnellebigen Mediengesell-schaft gehen jedoch die weniger spektakulären Ereignisse häufig am Leser vorbei. Dann kam der Streik und das öffentliche Interesse. Und weil das Informationsdefizit bestand, sind die Studenten zum Teil instrumentalisiert worden, von Rektoren und Professoren, die das System nicht reformieren wollen. 
hp: Also profitierten andere vom Streik der Studenten? 
Burtscheidt: Das ist die große Ungerechtigkeit! Da gehen die Studenten auf die Straße und frieren sich den Hintern ab, und Kultusminister Zehetmair macht einen Kniefall vor dem Establishment, indem er den Rektor wieder in den Hochschulrat aufnimmt. Die Gewinner sind wieder die, die nichts ändern wollen.
hp: Sie scheinen sich ja den Studenten beson-ders verbunden zu fühlen.
Burtscheidt: Ich sehe einfach, daß häufig Studenten verheizt und nicht gefördert werden. Ich kenne viele, die begabt waren und trotzdem durch das Raster gefallen sind. Das ist sehr traurig. Deswegen möchte ich jeden zu Wort kommen lassen, der etwas verändern will. Das Problem ist nur, daß die Studentenschaft keine homogene Gruppe darstellt. Die Studenten - das muß man einmal sagen - gibt es nicht mehr. Da stelle ich beispielsweise das inter-essante Reformmodell der Geschichtsstuden-ten Sippell und Georgi vor, und sofort brüllt der AStA: »Das ist aber nicht unser Papier«. 
hp: Zum Geschwister-Scholl-Institut: Es ist wohl das von Journalisten am meisten heimgesuchte Institut der LMU. Womit hat es das verdient?
Burtscheidt: Es ist keinesfalls so, daß wir Journalisten dieses Institut verfolgen. Die ge-samte Universität ist ja ein so geschlossenes System, daß auch Journalisten nur schwer Zugang finden. Es waren schon die Leute am Institut selbst, die immer wieder für Furore ge-sorgt und auch persönliche Querelen öffentlich gemacht haben. Das ging los mit dem Streit zwischen Mayer-Tasch und Sontheimer (emeritiert WS 93), der bis hin zu Gerichtsver-handlungen führte. Sontheimer war jemand, der über Mißstände öffentlich geklagt hat. Dann gab es noch die Adler-Affäre ... Ich kon-zentriere mich keineswegs nur auf das GSI. Es ist eben die Frage, was für Informationen man erhält, und was für die Öffentlichkeit interes-sant ist. 
hp: Dennoch scheinen die Geschehnisse am GSI von gesteigertem öffentlichen Interesse zu sein.
Burtscheidt: Natürlich ist man immer auf der Suche nach einem guten Titel, obendrein in einer Zeit, in welcher der Boulevardjournalis-mus großgeschrieben wird. Wenn sich die Hochschulleitung darüber beklagt, daß Herr Mayer-Tasch nicht in die Oettingenstraße umziehen will, weil man auf den dortigen Teppichböden nicht denken könne, hat man eben eine schöne Schlagzeile. 
hp: Sind nicht die Politischen Wissenschaften durch ihren Gegenstand als Ort weltanschau-licher Auseinandersetzung vorbestimmt und Konflikte dadurch eher verständlich?

Streitereien stehen für Mißwirtschaft

Burtscheidt: Vielleicht steht man dem öffentlichen Disput dadurch näher. Aber: Einen Streit z.B. zwischen einem Marxisten und einem Neoliberalen habe ich am Institut bislang nicht erlebt. Das fände ich ja sogar gut, weil es mehr Praxisnähe und »raus aus dem Elfenbein-turm« bedeuten würde. Doch bei den erwähn-ten Fällen spielten immer wieder persönliche Querelen eine Rolle, die öffentlich ausgetragen wurden. Wenn die Presse dann einmal ihr Augenmerk auf ein Institut oder einen Men-schen gerichtet hat, verfolgt sie sie natürlich weiter - vor allem, wenn diese Streitereien exemplarisch für die Mißwirtschaft stehen, die an der ganzen Universität herrscht. 
hp: Unter besonderer Beobachtung steht augenscheinlich die Person Mayer-Tasch.
Burtscheidt: Mayer-Tasch ist immer wieder mit Äußerungen an die Öffentlichkeit gegangen, die für einen Wissenschaftler unangebracht erscheinen. Jede Ordnung hat schließlich ihre Diskurse. Da kann man doch von jemanden erwarten, daß er nicht mit astrologischen Phänomenen daherkommt. Es ist doch abstrus, wenn jemand einen Umzug aufgrund irgend-welcher Planetenkonstellationen oder sonstiger esoterischer Dinge blockiert.
hp: Andererseits muß man Mayer-Tasch zugute halten, daß aufgrund seiner Intervention be-stimmte gesundheitsschädliche Baustoffe entfernt wurden.
Burtscheidt: Es ist ja nicht so, daß ich mir da irgendetwas aus den Fingern sauge. Mayer-Tasch inszeniert sich doch selbst. Da gibt es Briefwechsel, die das einwandfrei belegen. Würde er seine Anliegen anders formulieren, würde er auch anders aufgenommen. Ich habe Mayer-Tasch um eine Stellungnahme gebeten. Er sagte mir am Telephon, er spräche in dieser Frage nicht mehr mit der SZ.
hp: Ihr Artikel »Wo Grabenkriege und böse Geister herrschen« erschien just an dem Tag, an dem der Hochschulausschuß des Land-tages über die Petition der Fachschaft gegen die Streichung der Laufer-Stelle beriet. Der Artikel zeichnet ein ziemlich desolates Bild des GSI, und dürfte dem Anliegen der Politik-studenten nicht förderlich gewesen sein. 
Burtscheidt: Ich möchte betonen, daß das GSI nur ein Beispiel ist. Man nimmt das Bei-spiel, an das man herankommt. Und dann trage ich als Journalistin dazu bei, daß man solch einen Streit pointiert und griffig aufzeigt. Wir müssen ja auch an unsere Leser denken. Aber es ist bestimmt nicht mein Anliegen, daß der

Grabenkriege prägen das GSI

Landtag dann hingeht und eine Stelle einzieht. Dennoch muß man sich Gedanken machen, an welche Bedingungen man die Neubesetzung einer Stelle knüpft. Deshalb halte ich eine Evaluation - wie sie ja jetzt auch geschieht - für dringend notwendig. Das wichtige Aufzeigen von Mißständen sollte nicht zu Stellenstreich-ungen führen. 
hp: Verwundern Stellenstreichungen, wenn ein Institut als zerstrittener »Hühnerhaufen« dar-gestellt wird?
Burtscheidt: Wenn ich über ein Institut be-richte, muß ich doch ein Kriterium finden, ob die Arbeit, die dort geleistet wird gut oder schlecht ist. Die Geschichte des GSI ist eben von ständigen Grabenkriegen geprägt. All das zeigt für mich das Chaos in diesem völlig un-strukturierten Fach auf, wofür auch der Fall Adler ein Indiz ist. Das ist für mich Anlaß ge-nug, zu sagen, »hier bekommt ihr eure Stelle, aber nur unter der Auflage, daß ihr euch de-finiert; welche Ausbildung wollt ihr künftig machen und so weiter«. Insofern bin ich auch für eine leistungsbezogene Mittelvergabe, die sich an Evaluationsergebnissen orientiert und für mehr Transparenz. 
hp: Das steht ja leider nicht in ihrem Artikel.
Burtscheidt: Das steht nicht drin? Gut, mir ging es dabei eben erstmal um eine Zustands-beschreibung und darum, die Problematik am GSI und damit an den meisten geisteswissen-schaftlichen Instituten deutlich zu machen. Da denkt doch jeder: »Ich bin der Beste«. Es kann doch nicht angehen, daß jemand wie Kratochwil ein Reformkonzept vorstellt und ihm von den Kollegen nur Steine in den Weg gelegt werden. Da muß man doch im Gegenteil sa-gen, »in Ordnung, probier’ es.« Daß das an einer öffentlich finanzierten Universität nicht möglich ist, ist verhehrend. Ich habe den Ein-druck, daß es viele gibt, die einfach nur so weiterwursteln wollen. 
hp: Frau Burtscheidt, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch für hp führten Andreas Grimminger und Alexander Ochs