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| »Marx’ Gespenster« und
»Die Illusionen der Postmoderne«
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| Eine virtuelle Auseinandersetzung zwischen Jacques
Derrida und Terry Eagleton (anläßlich des 150. Jubiläums
der Veröffentlichung des Manifests der Kommunistischen Partei)
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| Die Postmoderne ist, wie der Name sagt, das nachmoderne
Zeitalter. Doch wie ließe sich eine Moderne überholen, die sich
ihrerseits be-grifflich bereits als die immer wieder neue, mo-derne Zeit
ins Unend--liche verlängert hat? – So gesehen muß die Post-moderne-Bewegung
an der Über-zeitlichkeit der Moderne zwangs--läufig scheitern.
Wo sie das eingesehen hat, begreift sie sich – gerade in Absetzung zum
moder-nistis-chen Erneue-rungsstreben – denn auch nicht als Überwindung
der Moderne, sondern (nietzschianisch ge-dan-ken--verwunden) als deren
»Verwindung« (Vattimo). Oder sie sieht sich gar als »radi-kali-sierte
Moderne« (z.B. Welsch). Selbst Jean-François Lyotard, der
den Postmoderne-Begriff – wenn-gleich eher widerwillig – mit seiner Schrift
»La condition postmoderne« (1979) in die Philosophie-De-batte
eingeführt hat, bemerkt (in Anspielung auf Habermas): »Das Projekt
der Aufklärung be-steht weiterhin, allerdings in Un-ruhe und Sor-ge«
(Immaterialität und Postmoderne; S. 9). Die Postmoderne wäre
demnach also das Zeit-alter der (um sich selbst) be-sorgten, verun-sicherten
Moderne.
Tiefe Sorge spricht zweifellos auch aus dem Essay »Die Illusionen der Post-moderne« des britischen »Postmarxisten« Terry Eagleton, das nunmehr in deutscher Sprache vorliegt. Eagleton geht es allerdings, anders als Lyotard, um die Stärkung eines mate-rialistischen Stand-punkts gegen-über der »dis-kursiv« erwor-benen Dominanz des relativistischen (sprach-theoretischen) »Immate-ria-lismus« im – para-doxer-weise – immer mehr zu globaler Hegemonie gelangenden postmodernen Denken. Zwar gesteht er zu: »Die postmoderne Theorie ist in-so-fern radikal, als sie ein System in Frage stellt, das immer noch absolute Werte, meta-physische Begründungen und selbstidentische Subjekte braucht; gegen diese mobilisiert sie Multiplizität, Nicht-Identität, Überschreitungen, Unbegründbarkeit und kultu--rellen Relati-vismus« (S. 176). Doch: »Das Resultat ist im besten Fall eine phantasievolle Unterwanderung des herr-schen-den Wertesystems […] das postmoderne Denken erkennt gewöhnlich nicht, daß das, was auf der Ebene der Ideologie funktioniert, nicht auf der Ebene des Marktes funktioniert.« (Ebd.) Hat Eagleton mit diesem kritischen Resümee recht? Sind die Theorien der Postmoderne in ihrer dominanten Ausprägung nur die markt-konformen Ideologien eines neuen, zynischen Intellek-tualismus? Oder läßt sich mit Hal Foster (vgl. The Anti-Aesthetic) nicht neben einem in der Tat »reaktionären« (neo-liberalen) Post--moder-nismus auch ein »oppositioneller« Postmoder-nismus des Widerstands aus-machen? – Ein Teil der Postmo-derne-Bewe-gung muß sich Eagletons Vor-würfe sicher be-rechtigter-maßen gefallen lassen, allerdings gilt dies eben nur einen Teil: Schon im »postmoderen Wissen« setzte sich Lyotard schließlich intensiv mit der digital ent-dinglichten Verding-lichung und Kommer-zialisierung- des Wissens auseinander. Auch in seiner philosophischen Haupt-schrift »Der Widerstreit« (1983) spricht er warnend von der »Vor-herrschaft der ökonomischen Diskursart« (Nr. 253). Und mit Fredric Jameson gibt es einen kritischen Postmoderne-Denker, der im Anschluß an Ernest Mandel (vgl. Der Spätkapi-talismus) die kulturelle Logik des globalen Spätkapitalismus sogar zum zen-tralen Bezugs-punkt nimmt, in der aktuellen Ästhetisierung der Warensphäre jedoch auch eine Mög-lichkeit zur unter-gründigen Trans-zendierung des kapitalistischen Marktsystems verortet (vgl. Post-moder-nism, or, The Cul-tural Logic of Late Capitalism). Die postfordistischen »Ecomonies of Signs and Space« (Lash/Urry 1994) setzen nämlich – im Weiterdenken von Adornos »Ästhetische[r] Theorie« – auch Potentiale für eine (wider-ständige) »ästhetische Reflexi-vität« frei. Allerdings muß man sich, um nicht tatsächlich in ideo-logisches Denken zu verfallen, mit David Harvey darüber im Klaren sein, daß es sich derzeit um eine alleine dem Kapitalinteresse nach Mehr-wert-steigerung dienende ästhetische Flexibili-sierung der Produktion handelt (vgl. The Con-dition of Post-mo-der-nity), und die in diesem Zusammenhang angewandten »Glo-kali-sierungs-strategien« (vgl. auch Robertson: Gloca-lization) haben nichts mit einer generellen Wert-schätzung des Lokalen, des Parti--kularen und des Nicht-Identischen zu tun, sondern dienen ebenfalls nur dem Ver-marktungs-inter-esse. Der Markt strebt also nach globaler Herrschaft und nutzt dafür auch die Mittel der Ästhetik (vgl. auch Haug: Kritik der Warenästhetik). Diese könnte in ihrer »Unberechenbarkeit«, wie erwähnt, das Ein-fallstor für eine Auflösung des ihrer Instrumentalisierung zugrunde liegenden kapitalistischen Systems sein. Aber auch das »Gespenst« des Kommu-nis-mus ist keineswegs tot, wie viele meinen mögen. Der Kom-munismus ist als eine gespenstische Kraft schließlich ein »Untoter«, ein »Wiedergänger«. Er nimmt heute nur andere Formen an, die es seinen Geg-nern erschwert, ihn zu identifizieren. So formiert sich in der vermeintlichen Krise des Marxismus, die bereits Louis Althusser als Chance für eine Befreiung aus den einengenden Dogmen des Marxismus-Leninismus begriff (vgl. Die Krise des Marxis-mus), eine neue Internationale – so zumindest Jacques Derrida in seinem Buch »Marx’ Gespen-ster« (1996). Diese neue, keineswegs, wie Andres Huyssen behauptet, rein ameri-kanische Inter-natio-nale der Postmoderne (vgl. Postmoderne – eine ameri-kani-sche Internatio-nale?), entsteht gewisser-maßen »grund-los« und »ohne je [absolute] Gewißheit zu haben«, aber »aus Sorge um Gerechtigkeit«, die sie auf vielfältigen, nicht fixierbaren Wegen zu verwirk-lichen versucht – was ihren »ge-spen--stischen« Charakter ausmacht: »Man erzittert vor der Hypo-these, daß, begün-stigt durch eine jener Meta-morphosen, von denen Marx so oft gesprochen hat […], ein neuer ›Marxis-mus‹ nicht mehr die Gestalt haben könnte, unter der man ihn zu identifizieren und in die Flucht zu schlagen man sich gewöhnt hatte. Vielleicht hat man nicht mehr Angst vor den Mar-xisten, wohl aber hat man noch Angst vor gewissen Nicht-Marxisten, die auf das Marx-sche Erbe nicht verzichtet haben, Krypto-Marxisten, Pseudo- oder Para-›Marxisten‹, die bereit wären, die Ablösung zu übernehmen, mit Bindestrichen oder in Anfüh-rungs-zeichen, die zu demaskieren die ver-ängstigten Experten des Anti-kommunismus nicht geübt genug wären.« (Marx’ Gespenster; S. 86f.) Derridas in diesen Sätzen zum Ausdruck kommende Haltung steht im offensichtlichen Gegensatz zu Eagleton und seiner materialistischen Kritik am »Immaterialismus« des Ge-spensts des Post-moder-nismus. Stellen wir uns ein Auf-ein-an-der--treffen zwischen Eagleton (Marx) und Derrida (Ge-spenst) vor. Was hätten sie sich/uns zu sagen? Marx: »Ein Gespenst geht um in Europa – Das Gespenst
des Kommunismus«. So lautet der erste Satz des Manifests der Kommunistischen
Partei. Ein Satz, der häufig zitiert wird. Aber der Text des Mani-fests
endet nicht an dieser Stelle. Wer weiter liest, erfährt: Der Kommunis-mus
ist nur in den Augen der bürgerlichen Reaktionäre ein Gespenst,
welche ihm allerdings, gerade indem sie ihn als ein Phantom fürchten,
reale Macht verleihen; und diese Furcht wiederum hat ihre sehr reale Grundlage
in der Aus-beutung, die die Ausgebeuteten zwingt, sich schließlich
gegen ihre Ausbeuter zu wenden. Vielleicht sieht die Welt heute anders
aus als ich sie vor fast genau 150 Jahren beschrieb. An der Grund-tatsache
der Aus-beutung hat sich jedoch nichts geändert. Sie findet heute
nur in einem noch glo-baleren Maßstab statt und ist deshalb (vorerst)
aus unserem noch immer lokal begrenzten Blick-winkel ver-schwunden. Wer
Aus-beu-tung in Anfüh-rungs-striche setzt und sie nicht beim Namen
nennt, der ver-schlei-ert sie und stellt sich damit in ihren Dienst. Der
Kommunismus hingegegen ist der Ausdruck, der Ge-dan--kenreflex der Wirklichkeit
der Ausbeutung; er ist ebenso real wie die Ausbeutung selbst. Ge-spen-stisch
– d.h. irreal und ideologisch – erscheinen mir eher jene modischen Philo-sophien
zu sein, die die ökonomische Basis aus ihrem Denken ausblenden.
Dieses »geistreiche« (Selbst-)Gespräch
wurde »aufgezeichnet« von Anil Jain
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