hp: Welches der drei Jubiläen wird von der Öffentlichkeit
an meistem wahrgenommen?
Hans-Günther Hockerts: Ich würde sagen, Spitzenreiter
ist 1848 .
Wolfram Siemann: Nein, nein, 1648!
Hockerts: Nein, in der öffentlichen Aufmerk-samkeit
liegt 1848 ganz klar vorne. Auf Platz 2 kommt 1648, 1968 dann auf einem
guten dritten Platz. Was diese ganzen Jubiläen be-trifft, möchte
ich aber erstmal einen Stoß-seufzer vorausschicken: Die Zeitgeschichte
steht generell unter dem Erwartungsdruck, sich dem Jubiläumszwang
anzupassen. Aufgrund der Zufallsästhetik irgendeiner runden Zahl
wie 30 oder 50 Jahre muß man sich bestim-mten Themen zuwenden. Ich
finde diesen Zwang, Kalendertagshistorie betreiben zu müssen, ziemlich
ärgerlich, weil damit die Autonomie der wissenschaftlichen Frage-stellung
eingegrenzt wird. Andererseits gibt es berechtigte Erwartungen seitens
der Öffent-lichkeit an diejenigen, die sich professionell mit Geschichte
auseinandersetzen.
Rückbezüglichkeitsmanie statt Zukunftsperspektiven
Eine zweite Beobachtung, die ich vorweg erwähnen
möchte, ist die, daß wir von Ver-gangenheitsbezügen in
einem geradezu er-staunlichen Maße überschwemmt werden. Es gibt
mittlerweile geradezu eine Erinnerungswut. Ich spreche dabei nicht von
der Erinnerung an den Nationalsozialismus - damit hat es seine besondere
Bewandtnis - sondern von der all-gemeinen Rückbezüglichkeitsmanie.
Offenbar geht es darum, die mit Blick auf die Zukunft verlorene Gewißheit
aus der Vergangenheit herbeizuschaffen.
Siegrid Jahns: Was diesen Jubliäumszwang angeht,
sieht das für mich als Frühneuzeitlerin ganz anders aus. Ich
habe es mit zeitlich sehr entfernten Themen zu tun. Da kann man weniger
von einem Zwang als von einer Chance zur Aufarbeitung sprechen. Deshalb
bin ich sehr motiviert, dadurch bedeutende Ereignisse der deutschen und
europäischen Geschichte wieder ins Bewußtsein zu bringen. Manchmal
habe ich allerdings die Befürchtung, daß diese Chance nicht
genutzt wird.
Hockerts: Nichts gegen Aufarbeitung, dafür sind
wir ja auch da. Aber warum immer auf dieser ganz dünnen Brücke
eines zufälligen Kalendertages? Wenn wir in unserer politi-schen Kultur
jetzt an dem Punkt angelangt wären, daß wir sagen: »Wir
gründen die Berliner Republik und orientieren uns in diesem Zusammenhang
an der Grundrechtediskussion der Vergangenheit und kommen so auf 1848«,
wären alle meine Bedenken weg. Aber diese schreckliche Zufälligkeit
der Jubiläen, die auch dazu führt, daß in den nächsten
Jahren kein Hahn mehr nach den heute so stark beach-teten Themen kräht!
Jahns: Ich glaube, daß sich darin ganz stark ein
zersplittertes Geschichtsbewußtsein spie-gelt. Es ist nicht nur das
Segmentieren auf Grund von kalendarischen Ereignissen; auch in unserem
Bewußtsein machen die einzelnen Geschichtsdaten nebeneinander keine
breite Tradition aus. Es muß immer etwas bruch-stückhaft hervorgehoben
werden, das dann auch stark aktualisiert wird. Hier liegt ein Pro-blem
des allgemeinen historischen Bewußt-seins.
Siemann: Wenn man das mit Frankreich ver-gleicht, fehlt
die nationale Matrix. Eine solche gehört eigentlich nicht zur Sozialisation
der Bu-ndesrepublik, weshalb man sich nicht unge-fragt und unproblematisch
mit der Nation iden-tifiziert und dann bestimmte Epochen der Ge-schichte
herausgreift. Wenn man sagen würde, »das hier ist unsere Geschichte,
ich bin Deu-tscher und Teil der deutschen Geschichte«, dann könnte
man 1848 begründen als ein Ereignis, das stark die nationale Frage
berührt und gleichzeitig als erster Versuch politischer Mitsprache
zu werten ist.
hp: Finden Sie, daß bei der Darstellung »Ihrer«
Jubiläen in den Medien die Zusammenhänge richtig dargestellt
werden?
Siemann: Teils, teils. Ich habe bei einer Sen-dung des
ZDF mitgewirkt, die ich so unter-schreiben könnte, weil der Redakteur
sehr viel zugehört und umgesetzt hat und keine vor-gefaßten
Meinungen hatte. Auch gibt es viele leicht erreichbare wissenschaftliche
Publi-kationen, wie zum Beispiel Taschenbücher über 1848. Dann
aber vergeben Feuilletons von Zeitungen, die große Außenwirkung
haben, beispielsweise an Germanisten Auf-träge, über 1848 zu
schreiben. Ich verfolge das in der Tagespresse, wo mitunter die schlimmsten
Falschheiten verbreitet werden. Da kann man als Historiker schreiben, was
man will, gegen diese Tendenz, sich an den Jubiläen zu profilieren
ohne Sachkenntnis zu besitzen, kommt man nicht an. Wenn man über Geschichte
schreiben will, soll man einen Historiker fragen, genauso wie man, wenn
man Probleme mit dem Auto hat, einen Mechaniker fragt.
Enthistorisierung der Ereignisse in den Medien
Jahns: Ich sehe eine deutliche Zweigleisigkeit bei den
Bemühungen um mein Jubiläum. Bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung
in der Lehre, in Ausstellungen und in Kongressen wird das Jubiläum
1648 in langfristige Struk-turen eingebettet. Wenn ich aber wahrnehme,
wie Medien - vor allem das Fernsehen - das Ereignis vermarkten, dann bin
ich entsetzt. Dort wird das Ereignis »Westfälischer Friede«
ganz enthistorisiert. Es wird fahrlässig damit um-gegangen! Zum Beispiel
wurde im Fernsehen der 30-jährige Krieg mit Bildszenen aus dem Zweiten
Weltkrieg veranschaulicht. So etwas weckt ganz schlimme Assoziationen,
die das Ereignis Westfälischer Friede und 30-jähriger Krieg benutzen,
ohne zum Nachdenken über die Ereignisse an sich zu führen. Ich
bin be-sorgt, daß Jubiläen in der Öffentlichkeit nicht
das bewirken, was sie im Sinne historischer Aufklärung sollten.
Hockerts: Historiker müssen sich durchaus diesen
Anforderungen seitens der Medien stellen, weil sie professionelle Perspektiven
einbringen können. Was man neuerdings Erinnerungskultur nennt, reicht
in einem weiten Bogen von Geschichtspolitik bis hin zu Info-tainment und
Kommerz. Diese Erinnerungs-kultur neigt zum Anverwandeln, die Vergangen-heit
wird aufgefressen von den Bedürfnissen der Gegenwart. Man spiegelt
die eigene Zeit in dem Vergangenen wieder. Gerade hier kommt die Verantwortung
der Wissenschaft ins Spiel, die auf eine angemessene Distanz zu achten
hat. Das heißt z.B., daß die historischen Gegenstände
auch in ihren eigenen, uns oft sehr fremd gewordenen Zusammenhängen
beachtet und bedacht werden. Speziell bei 1968 gehört es zur Verantwortung
der Wissen-schaft, zu einer Historisierung der Revolte zu gelangen, also
die Erlebnisse und Frontstel-lungen von damals nicht einfach fortzuschrei-ben,
sondern in Perspektiven und Zusammen-hänge einzuordnen, die den Akteuren
damals gar nicht bewußt waren.
Jahns: Die Rezeptionsgeschichte ist sicher ein gemeinsamer
Ansatzpunkt bei diesen Jubiläen. Herr Hockerts steht auf der ersten
Stufe der Rezeptionsgeschichte. Wir erleben sozusagen, wie das Ereignis
1968 zum ersten Mal zum Gegenstand der Wissenschaft gemacht wird. Da werden
Weichen gestellt. Mein Jubiläum dagegen hat sicher die längste
Rezeptions-geschichte. Ich kann fünf bzw. sechs Rezep-tionsstufen
ausmachen, anhand derer man sehr deutlich sehen kann, wie so ein Großereignis
im Nachhinein vereinnahmt wird und den aktuellen Zeiten angepaßt
wird.
Siemann: Das ist bei Herrn Hockerts vielleicht der kürzestmögliche
Abstand, 30 Jahre, um ein Thema aufzuarbeiten. Es liegt eine Generation
dazwischen, und neue Fragestellungen ent-wickeln sich. Bei meinem Jubiläum
war dies das erste Mal 1898 der Fall. Damals gab es einzelne Wissenschaftler,
die den Umgang mit der Revolution aus den Parteikämpfen heraus-halten
wollten. Damals wurde die erste Aus-stellung in Frankfurt zum Thema Revolution,
das in der Zeit davor verdrängt worden war, eröffnet. Es wurden
auch erste Abhandlungen dazu geschrieben. Diese besondere Situation existiert
im Moment bei 1968. Allerdings habe ich den Eindruck, daß 1968 heute
als Mittel zur Legitimation nicht so sehr herangezogen wird wie 1648 -
Friede - und 1848 - Nation.
1648 - Schandfriede oder Symbol für Friede in Europa
Hockerts: Ja, das wollte ich auch fragen, was ist eigentlich
der Gebrauchswert der Jubiläen?
Jahns: Für mich liegt der Gebrauchswert auf der
Hand. Aus meiner Sicht - mit relativ leid-lichen Kenntnisse von 1848 -
würde ich sagen, ist es die Suche nach der guten Tradition der deutschen
Geschichte. Mein Jubiläum von 1648 hat zu tun mit dem Erlebnis von
Krieg und Friede. So wird der Westfälische Friede in der Rezeptionsgeschichte
verarbeitet - einmal im Sinne von Krieg, um den „Schandfrieden“ zu revidieren;
einmal im Sinne von Frieden, nach der zerstörerischen Erfahrung eines
epo-chenlangen Krieges. Der Westfälische Friede steht auch oft als
Symbol für Friede und Eini-gung in Europa.
Hockerts: Wobei Europa und Frieden eigentlich sympathische
Leitwerte sind. Hitler hat das, wie viele Studienräte vor ihm, ganz
anders gesehen. Er interpretierte 1648 als die von perfiden Nachbarn betriebene
Entmach-tung und Zersplitterung der deutschen Mitte Europas. Daher plante
er 1939/40, den Krieg mit einem Frieden in Münster zu beschließen,
demonstrativ am Ort des Westfälischen Frie-dens, um die »Schmach
von 1648« zu tilgen.
1848 - Vorbild für die deutsche Demokratie
Jahns: Wobei man aber sagen muß, das die Vermarktung
des Westfälischen Friedens für den ewigen Frieden auch eine Form
der Geschichtsklitterung ist. Denn das ganze System wurde nur durch eine
friedenswillige Fürstengeneration getragen und schon 20 Jahre später,
mit Ludwig XIV und einer anderen Mächtekonstellation, zerschlagen.
Andererseits hatte der Westfälische Frieden im 18. Jahr-hundert enorme
Vorbildfunktion, weil ein Weg zum Frieden aufgezeigt wurde.
Siemann: Jubiläen von 1848 standen zweimal im Schatten
der Weltkriege, 1923 wurde das Jubiläum von den Verfassungspatrioten
verein-nahmt, 1948 nach der Erfahrung der nationalen Katastrophe wurde
aus deutscher Sicht ver-sucht, die demokratischen Wurzeln zu beto-nen,
allerdings waren die Deutschen ange-sichts der Machtlosigkeit durch die
Besatzung ratlos, wie sie mit dem historischen Konzept die Politik gestalten
könnten. Aber auch heute ist 1848 das Vorbild für die deutsche
Demo-kratie. Ich wurde einmal gebeten, einen Vortrag über »Einigkeit
und Recht und Freiheit, Anfänge der deutschen Demokratie« zu
halten. Was sollte ich sagen? Sollte ich der Jubel-redner für die
Staatsbürgerkunde sein, oder sollte ich die Problematik darstellen?
Ich habe dann versucht, das uns heute Fremde in den Forderungen der damaligen
Protagonisten dar-zustellen. Zum Beispiel forderte Blum einen großen
Europäischen Krieg zur Durchsetzung der Märzforderungen.
hp: Gibt es die Forderung nach einer politisch korrekten
Darstellung der Ereignisse im Jubi-läumsjahr seitens der Politik und
der Medien?
Politiker wollten das Ereignis okkupieren
Jahns: Gefordert wird es bei 1648 nicht, der Akzent liegt
aber klar auf Frieden. Probleme gibt es allerdings bei der Darstellung,
da man dabei auf gewisse Befindlichkeiten eingehen muß. Es gibt das
Friedensbild auf der einen Seite und die historischen Fakten andererseits.
Wenn man zu einer Feier zum Beispiel die Königin von Schweden einlädt,
befindet man sich in einem Dilemma. Man will die nationalen Befindlichkeiten
der Schweden nicht verletzen. Sie glorifizieren Gustaf Adolf sehr und ver-drängen
dabei seine machtpolitischen Ziele, die man aber in korrekter Weise darstellen
muß.
Hockerts: Das Thema von Herrn Siemann ist eigentlich
das einzige staatspolitische, das heist auch von staatlichen Institutionen
pro-minent aufgegriffene Jubiläum. Warum? Man will dem Ausland die
Angst vor der Berliner Republik nehmen. 1848 war Deutschland westliche
Normalität, und jetzt soll es das wieder sein. Der Staat will sich
präsentieren im Medium der Vergangenheit.
Siemann: Ja, der Staatsakt am 18. Mai in der Paulskirche
hat das Jubiläum am stärksten instrumentalisiert. Im Beirat für
die Ausstellung wurde mehrfach diskutiert, ob ein Historiker als Redner
beim Staatsakt auftreten sollte. Die Politiker wollten aber unter sich
sein. Der Staatsakt hat es deutlich gemacht: Man wollte das Ereignis okkupieren,
ganz grob gesagt. Trotzdem ist es positiv, daß die Politik sich diesmal
so mit den Ereignissen des Jahres 1848 identifizieren kann. Noch 1923 gab
es da, nicht zuletzt von Seiten des bayerischen Ministerpräsidenten,
massive Probleme.
hp: Wird das Jubiläum 1848 parteipolitisch instrumentalisiert?
Siemann: Nein, über die Vergabe von Geld-mitteln
hätten die Regierungsparteien durchaus Möglichkeiten dazu gehabt,
sie haben sich aber nicht eingemischt. Auch in der Bundes-tagsdebatte zu
1848 gab es für die Redner Applaus von allen Seiten, nicht an die
Frak-tionen gebunden.
Jahns: Ich sehe auch nicht, daß sehr viel Weihe
über 1848 ausgegossen wird. Ich finde es gut, daran zu erinnern, auch
wenn manche Politiker für Reden zu diesem Thema nicht kompetent genug
erschienen. Es wird oft in der deutschen Geschichte nicht an die positive
Tradition erinnert, sondern nur vor den un-demokratischen Wurzeln der deutschen
Ge-schichte gewarnt. Allerdings gibt es eine demokratische Lücke in
Deutschland zwischen 1848 und 1919. Wird diese Zeit auch in den Ausstellungen
thematisiert, Herr Siemann?
Siemann: In der großen Ausstellung in Frankfurt
werden diese Brüche ganz stark dokumentiert. Auch der Niederschlagung
der Revolution wird breite Bedeutung gegeben. Bei diesen seriösen
Bemühungen gibt es keine Tendenz zur Harmonisierung - anders als in
den Medien, wo zum Teil falsch aktualisiert wird.
Jahns: Auch bei mir ist eine falsche Verein-nahmung von
1648 feststellbar. Hier werden Rückblenden gemacht, die eigentlich
erst auf viel spätere Ereignisse zutreffen. So wird zum Beispiel die
Entkonfessionalisierung 1648 als Aufkommen religiöser Toleranz gewertet,
wobei dies erst in der Zeit der Aufklärung aktuell wurde. Außerdem
sieht man 1648 als den Zeit-punkt an, ab dem Staat und Kirche vonein-ander
getrennt wurden, dies war aber ein sehr mühsamer Prozeß, der
eigentlich viel länger dauerte.
hp: Es gibt die These, 68 sei ein Mythos, der heute von
den Leuten verbreitet wird, die damals dabei waren und heute in den mei-nungsmachenden
Positionen sitzen.
Dutschkes umständliche, blutleere, formelhafte Sprache
Hockerts: 1968 ist das einzige der drei Jubiläen,
bei dem Zeitzeugen kräftig mitmi-schen können. Es gibt ja - grob
gesagt - drei Zugänge zur Geschichte: Die eigene Primär-erfahrung,
die öffentliche Erinnerung und die wissenschaftliche Bearbeitung.
Bei der Be-schäftigung mit 1968 werden alle drei Formen miteinander
vermischt, wobei in der Tat ehema-lige 68er in den Medien den Ton angeben.
Aber man muß doch sagen, daß sie die Chance des zweiten
Blickes nutzen. Viele Rückblicke sind erstaunlich selbstkritisch,
distanziert und abwägend. Das hängt wohl damit zusammen, daß
uns in mancher Hinsicht ein tiefer Kontinuitätsbruch von der damaligen
Zeit trennt. Vor allem ist der Forschtrittsopti-mismus zerbrochen, auch
der Glaube an Globaltheorien. Modernisierung wird nicht mehr bloß
als Lösung, sondern als Teil des Problems betrachtet. Solche Umbrüche
ver-fremden 1968, auch in den Augen der Alt-68er. Wir haben im Seminar
Dutschke gelesen, ach du lieber Gott! Diese umständliche, blutleere,
formelhafte Sprache hat niemanden mehr fasziniert. Bei Themen wie den Notstands-gesetzen,
die 1968 elektrisierend wirkten, blieben die Studenten heute ganz ruhig
sitzen.
Jahns: Aus meiner subjektiven Erfahrung heraus stimme
ich damit überein, daß die Leute damals ein anderes Bewußtsein
hatten. Die Leute, die die Revolte mitgetragen hatten, kan-nten zum Beispiel
keine Angst vor Arbeits-losigkeit.
Die 68er als homogene Gruppe hat es aber eigentlich nicht
gegeben. Es fand schon da-mals eine sehr starke Ausdifferenzierung und
Distanzierung statt. Ich persönlich konnte mich mit vielen Ereignissen
und Strömungen identifizieren. Jedoch nicht mit Gewalt, Huldi-gungen
für Ho Chi-minh und Terrorismus. Man kann aber sagen, daß 1968
auch eine gute Tradition hervorbrachte, hinter der wir heute alle stehen.
Nicht zu vergessen, die Blumenkinder!
Hockerts: Die Frage ist aber, inwieweit die Veränderungen
auf das spezielle Konto der 68er Bewegung zu buchen sind. Der stille und
langsame Wertewandel, der sich seit Anfang der 1960er Jahre in der Breite
und Tiefe der Bevölkerung beobachten läßt, war auf die
Dauer viel wirkungsvoller. 1968 wäre dann nichts anderes als der laute
Teile der »Silent Revolution«. Die Jugendkultur ...
Siemann: Wir dürfen aber dabei die Blumen-kinder
nicht vergessen!
Jahns: Ja, stimmt, Blumenkinder!
Hockerts: Der Aufstieg einer neuen internatio-nalen Jugendkultur
- Stichwort Rockmusik - bezeichnet dann sozusagen die mittlere Ebene zwischen
der Grundwelle des Wertewandels und der Schaumkrone der 68er.
Jahns: Aus meiner eigenen Erfahrung würde ich aber
sagen, daß 68 mehr war. Diese Spitze und die breite Basis rückten
viel enger zusam-men, auch für viele, die zum weniger politisch aktiven
Teil gehörten. Durch die Ereignisse wurde der Wertewandel stark beschleunigt.
Es wurde so viel diskutiert, man mußte zu vielen Dingen Stellung
beziehen.
Siemann: Man müßte mal nachhaken, ob man zum
Beispiel an der Zahl der Eintritte in die politischen Parteien und dem
Alter der Neumit-glieder zu erkennen ist, ob diese Breitenwir-kung wirklich
da war.
Stichwort: sexueller Aufbruch
Hockerts: In die Parteien strömten die Jugend-lichen
erst in der Aufbruchstimmung der Ära Brandt.
hp: War 68 dementsprechend nur ein Beschleunigungseffekt?
Hockerts: Vielleicht sollte man eher von einem Dramatisierungseffekt
sprechen. Wie der sich auswirkte, wäre dann jeweils im einzelnen zu
untersuchen.
Jahns: Hier muß auch das Stichwort sexueller Aufbruch
fallen.
Hockerts: Der wurde durch die Erfindung der Pille erleichtert,
die schon 1964 auf den Markt geworfen wurde.
Jahns: Wenn man die damaligen streng kon-servativen Strukturen
bedenkt, war das 1968 schon ein enormer Aufbruch. Im Studen-tinnenwohnheim
hatten wir das Problem, daß die Aufseherinnen nachts um 10 Uhr durch
die Schlüssellöcher guckten, ob noch männlicher Besuch da
war, und sie kontrollierten im Winter, ob Fußspuren vor dem Fenster
im Schnee waren.
Hockerts: Genauso hat der französische Mai in Nanterre
begonnen. Die Studenten wollten es sich dort nicht mehr verbieten lassen,
die Studentinnen in ihren Wohnheimen zu be-suchen. Auch das ist übrigens
ein Indiz dafür, daß die kulturelle Bedeutung von 1968 weit
größer war als eine politische.
Jahns: Ist das Kulturelle nicht auch politisch? Das wird
deutlich bei der Vietnamerfahrung. Durch die Antikriegswelle wurde auch
die Politik beeinflußt.
Blue Jeans mit Haschisch in der Tasche
Hockerts: Ja, aber in der politischen Institu-tionenordnung
hat 1968 keine Spur hinter-lassen.
Siemann: 1968 war vor allem auch global. In Frankreich
stand man am Rande einer Staats-krise. Aus den USA schwappte, auf dem Hintergrund
von Vietnam, die Flower-Power-Bewegung nach Europa. Der Bruch von Tabus
ist ein Akzent, eine Zäsur. Es war mehr als eine bloße Verstärkung.
Waren nicht die Massen-demonstrationen der Ausgangspunkt der Bürgerbewegungen?
Hockerts: Wenn man sich die Zahlen der Teil-nehmer an
Demonstrationen ansieht, so lagen sie in den späten 1950er Jahren
und in den führen 1980er Jahren viel höher als 1968. Das man
so gebannt auf 68 schaut, hängt mit der Neuartigkeit von Protestformen
zusammen, die wiederum eine neues Lebensgefühl spiegelten. Bei der
Spiegelaffäre 1962 demonstrierten die Studenten noch mit kurzen Haaren,
in kor-rektem Anzug plus Krawatte. 1968 hat sich die Haartracht demonstrativ
verändert und man trug Blue Jeans. Manche hatten auch Haschisch in
der Tasche.
Siemann: Das erklärt 1968 aber nicht. Auch 1848
fand ein Wandel des Lebensstils statt.
1968 legitimiert andere Meinungen
Hockerts: Wenn man 1968 erklären will, treten nationale
Besonderheiten wie z.B. die Not-standsgesetze oder die NS-Vergangenheit
in den Hintergrund. Denn die Revolte war ein Phänomen der gesamten
westlichen Welt. Bei der Erklärung hilft der Generationsfaktor. Viele
Jugendliche forderten die Werte, die man Ihnen in Schule und Erziehung
vermittelt hatte, zum Nennwert ein, ohne Abstriche. Lernziel Frie-den,
dann eben auch kein Vietnam. Lernziel Zivilcourage, dann eben auch Demonstra-tionen.
Lernziel Selbstbestimmung, dann auch her mit den individuellen Entfaltungsrechten.
Jahns: Wissenschaftlich mag das auch stim-men, subjektiv
muß ich das relativieren. Die meisten meiner Bekannten stammten aus
sehr autoritären Elternhäusern und Schulen.
Hockerts: Waren das Aktivisten?
Jahns: Nein.
Hockerts: Eben. Der aktive Kern stammte aus liberalem
Hause.
Jahns: Laßt uns über die größere
Masse der 68er reden. Die meisten waren von frustrierten Lehrern und älteren
Lehrerinnen, die ihren potentiellen Mann im Krieg verloren hatten,
unterrichtet worden. Für sie kam erst 68 der Umbruch. Dadurch wurden
auch sie legitimiert, anderer Meinung zu sein. Daß ihnen endlich
erlaubt war, ihre Meinung zu sagen, das war die neue Erfahrung.
Siemann: Was Sie weglassen, ist die Faszi-nation der
radikalen sozialistischen Systeme, die als Gegenentwürfe diskutiert
wurden.
Jahns: Bei der breiten Masse wurde dies nicht so diskutiert.
Siemann: Dann waren sie nicht in den richtigen Gesprächskreisen.
Jahns: Doch, das hat mich aber nicht so inter-essiert.
Hockerts: Wie Frau Jahns auch schon sagte, die 68er waren
keine homogene Einheit, son-dern eine lockere Vernetzung von verschie-denen
Strömungen. Die Theorie-Virtuosen, die sich scholastisch über
die richtige Auslegung des Marxismus oder Sozialismus stritten, bildeten
nur relativ kleine Gruppen. Für die meisten war der antiautoritäre
Grundzug der Bewegung attraktiver.
hp: Leider ist die Zeit um, Herr Siemann muß in
sein Seminar. Vielen Dank für dieses Gespräch.
Jahns: Da fällt mir ganz kurz zum Schluß noch
etwas ein. Der grundlegende Unterschied zwischen 1648 und den beiden anderen
Jubiläen ist: Beim Dreißigjährigen Krieg war das Volk ein
erleidendes, bei den anderen war das Volk ein agierendes.
Das Gespräch für hp führten
Michael Glass, Matthias Georgi und Ulrike Hillemann am 19.6.98
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