GELD: Geld ist nicht nur die Essenz des ökonomischen
Systems, der Motor unserer kapitalistischen Ordnung. Geld ist weit mehr(wert):
Es ist - das anhand von Kontoauszügen messbare Zeichen - des Erfolgs,
es vermittelt - jenen, die es besitzen - tiefe Befriedigung und verleiht
(z.B. als »Schmiergeld«) die nahezu unbegrenzte Macht (siehe
unten), Dinge zu bewegen.
Doch das ist noch nicht alles. Geld ist die Verwirklichung
der Ideale der Aufklärung: Es verleiht Freiheit - wer Geld hat, dem
stehen alle Türen offen, und mit Geld kann man sich alles kaufen -
es macht die Menschen gleich - der objektivierende Blickwinkel des Geldes
reduziert jeden auf das, was er hat - und es verhilft zu Brüderlichkeit
- es zieht alle integrativ in seinen Bann und alle wollen nur eines: Geld.
Deshalb ist Geld der »aufgeklärteste«
Aus-druck von Gerechtigkeit. Wer sich nach dem Wert des Geldes richtet,
handelt schließlich, um es nochmals zu betonen, ohne Ansehen von
Person und Sache. Geld verhilft so zu einem absolut objektiven Kriterium
der Be-urteilung und quantitativem Ausdruck von Wahrheit.
Mein Rat lautet deshalb: Bereichert Euch! Scho-nungslos.
Maßlos. Nur mit Geld könnt Ihr das Gute verwirklichen und selbst
Glück und Frieden in unserer Gesellschaft finden. Doch richtig: Der
Weg zum Geld ist oft steinig und kostenreich. Geld ist ob seiner unbestreitbaren
Vorteile ein begehrter Artikel.
Geld ist also knapp. Und das ist gut so. Denn diese Knappheit
ist die Voraus-setzung für seinen Wert - und das Gute, das es schafft.
An-sonsten droht Inflation. Und mit der Entwer-tung des Geldes träte
die Ungleichheit und die Ungerechtigkeit wieder hervor. Wir alle danken
deshalb den Regierungen der kapitalistischen Metropolen für ihre Austeritätspolitik,
für ihre sparsamen Haushalte und sozialen Kürzungen.
Diese bewahren uns vor der Katastrophe: daß unser
Geld an Wert einbüßt und wir unser Ver-trauen in die Zukunft,
unseren utopischen Hori-zont verlieren. Denn seit Gott - wie Nietzsche
feststellte - tot und auch die sozialistische »Alternative«
mit dem Ostblock in sich zusammengebrochen ist, gibt uns nur noch eine
Hoffnung: Geld.
Aber wie kommt man zu Geld? – Nochmals rate ich Euch:
Habt keine falschen »moralischen« Bedenken! Wer Geld will,
muß es sich verschaffen, mit allen Mitteln. Und da Geld Gerechtigkeit
bedeutet, ist jeder Weg zum Geld gerecht. Wenn Ihr nach dieser Devise handelt,
so könnt auch Ihr bald in Anbetracht Eurer materiellen Potenz
bestätigen: Geld ist geil – womit wir beim Thema Sex angelangt wären.
SEX: Träumt auch Ihr vom verführerischen »Garten
der Lüste«? Habt auch Ihr diese 1001-Nacht-Phantasien
von patchoulieschweren, schwülstigen Orgien und erotomanen Erkundungen
der »verbotenen Zonen«, von Leidenschaft und Ekstase? Das »Reich
der Sinne« als das irdische Paradies, die tantrische, diesseitige
Annäherung an den transzendenten Nicht-Ort des Nirvana? Vergeßt
diesen Traum! Sex ist, um es einmal klar zu sagen, nichts weiter als die
Enklave radikaler Körper-lichkeit in unserer ansonsten körperlosen,
virtualisierten Gesellschaft: Titten, Mösen, Schwänze, Ärsche...
Und dabei zählt nur eines: Befriedigung. Man sollte »es«
also nie »umsonst« tun.
Doch seien wir realistisch: Die Befriedigung in Form
des Orgasmus stellt sich insbesondere bei Frauen nicht immer und automatisch
ein, auch Männer erleben so manche Frustration beim »Liebesspiel«.
Befriedigung durch Sexu-alität kann sich jedoch auf andere, »sublimere«
Art und Weise einstellen: Indem man sich einfach kauft, was man begehrt,
und damit zeigt, wer man ist und was man hat. Derart kann im Kontext des
sexuellen Körperspiels – mittels Geld (siehe oben) – besonders deutlich
und »lustvoll« Macht demonstriert werden, die vielleicht sogar
die größte Befriedigung überhaupt verschafft (siehe unten).
Von der anderen Seite, der Seite der Nicht-Habenden und
Macht-Losen her betrachtet, bietet die Möglichkeit, seinen Körper
zu verkaufen, den Schlüssel-Zugang zu dem, was in unserer Gesellschaft
zentral ist, und deshalb »Potenz« verleiht. Deshalb: Prostituiert
Euch! Verkauft Euch und Euren Körper – so teuer es geht. Setzt die
Mittel der Lust und des Körpers ein, um Euch die materiellen Mittel
zur Befrie-digung Euerer materiellen Wünsche zu verschaffen!
Vertraut dabei auf den Schein. Nirgendwo zählt der
(allerdings durchaus »körperhafte«) Schein mehr als beim
Sex. Einen echten (materiellen) »Gewinn« erzielt nämlich
nur der, der den Schein des Begehrens zu erzeugen und zu bewahren versteht.
Denn die Lust ist ein Spiel – sie ist ein »Schau-spiel« der
Körper, der aufgeblasenen Muskeln und Busen, der verlängerten
Penisse, der herausgestreckten Brüste, der wackelnden Hintern, der
High-Heels, der imitierten Lustschreie und der falschen »Erschöpfung«.
Aber bitte versteht mich nicht falsch, überlaßt
die dunklen Straßenecken im Bahnhofsviertel getrost den aus bloßer
Verzweiflung handelnden »Dilettanten« in der Kunst der Prostitution,
den »abgefuckten« Strichern und den zugedrogten Nutten. Die
schnelle Nummer für einen Hunderter wäre ein viel zu billiges
Verkaufen Eures kostbaren Körpers. Laßt die begehrlichen Hände
nur über Euren Lockenkopf streichen, wenn es sich wirklich auszahlt.
Lächelt gezielt die Pförtner an den Pforten der Macht und des
Geldes mit euren roten Lippenstift-Mündern an und die Türen zu
den »heiligen Hallen« werden sich Euch öffnen. Die Welt
ist eine Hure.
WISSEN: Nicht nur der Körper, auch der »Geist«,
das Wissen ist ein Schlüssel zu Geld und vor allem Macht. Das wußte
schon der englische Philosoph und Naturwissenschaftler Francis Bacon, der
die Formel »Wissen ist Macht« prägte. Was er aber nicht
wußte: Auch im Fall des Wissens genügt meist der Schein.
Oft ist der Schein dem »tatsächlichen«
Wissen sogar turmhoch überlegen. Denn wer sein (Nicht-)Wissen gekonnt
darstellen kann, ist in einer weit günstigeren Position als der zwar
sachverständige, aber rhetorisch und schauspielerisch unbegabte Experte.
Zur geglückten Rhetorik und Darstellung des Wissens gehört aller-dings
durchaus eine gewisse Unverständ-lichkeit, denn was verständlich
ist, wirkt nur allzu leicht banal. Eine Banalität, die in imposante
und »esoterische« Worthülsen gekleidet ist, wird hingegen
gerne als Ausfluß eines »tieferen« Wissens angesehen.
Und »echtes« Wissen ist darüber hinaus
gefährlich. Zu leichtfertig geäußert, kann es erheblichen
(persönlichen) Schaden anrichten. Man denke nur an all jene, die sich
im wissenden Übereifer sämtliche Karrierechancen vernichtet haben,
indem sie ihre Vorgesetzten unwissend erscheinen ließen und sich
so sämtlicher Sympathien beraubten – denn wenn Wissen auch Macht verleiht:
Besserwissen macht unbeliebt und bringt die (Um-)Welt – die in der Regel
unwissend ist – gegen den Wis-senden auf.
Der kluge Wissende weiß deshalb, welches Wissen
er zu wissen und wie er es darzustellen hat. Er ist nicht nur Fachwissender,
sondern vor allem Wissenstechniker und Wissens-experte. Er kennt die Bedürfnisse
der Wissens-märkte, fühlt am Puls der Zeit und ist immer mit
den richtigen Schlagworten und Informationen zur Stelle. Deshalb sammelt
er unaufhörlich Wissensbestände, trägt Informationen zusammen
und filtert aus der Informationsflut die relevanten (d.h. verwertbaren)
Informationen heraus; und versucht, wo dies möglich ist, ein Monopol
auf bestimmte Wissensbestände zu errichten. Denn Wissen ist kein Selbstzweck.
Wissen ist entweder instrumentell oder nutzlos. Beutet also das Wissen,
das Ihr habt, aus, und stellt Wissen, das Ihr nicht besitzt, zumindest
so dar, daß sich auch Euer Nicht-Wissen be-zahlt macht.
Bedeutung und Nutzen des Wissens zu unterschätzen,
wäre ein fataler, kaum wieder gutzumachender Fehler. Das Wissen steht
im »produktiven« Zentrum unserer postindustriellen Informations-
und Wissensgesellschaft. Es ist eine hoch gehandelte Ware mit steigenden
Umsätzen. Der »Mehrwert« des Wissens übertrifft bei
weitem den konventioneller Güter(produktion). Aber es ist nicht nur
ökonomisch von zunehmender Relevanz. Es durchdringt alle sozialen
Bereiche, und es erzeugt den ständigen Zwang zu seiner Steigerung,
da es gleichzeitig immer neues (aufzufüllendes) Nicht-Wissen hervorbringt,
das als »gewußtes Nicht-Wissen« (Beck) sowohl auf Risiken
wie Poten-tiale des Wissens verweist.
Deshalb ist längst ein gnadenloser Kampf um das
Wissen (und seine Kontrolle) sowie die Macht und die Potenz, die es – direkt
(als strategische Ressource) und indirekt (vermittelt über seine Gratifikationen)
– verleiht, entbrannt. In diesem Kampf gilt es, sich eine günstige
Ausgangsposition zu sichern. Verschafft Euch also Wissens und lernt vor
allem, es effektiv ein-zusetzen! Nur so verschafft es wirkliche…
MACHT: Die Macht, auf die ich nun endlich zu sprechen
komme, wurde oft verunglimpft. Und sie wurde vergöttert. Beides –
Verdammung und Überhöhung – gehört zum ambivalenten Wesen
der Macht. Sie ist schöpferisch und destruktiv. Freilich wurde im
Freiheitsstreben der Aufklärung, die (göttliche) Macht primär
als Einschränkung empfunden. Gleichzeitig be-stand aber ein ausgeprägter
»Wille zur Macht« (Nietzsche). Dieser Wille zur Macht führte
konsequenterweise zur Mordung der göttlichen (All-)Macht, und stellte
an ihre Stelle die rationale Macht des Aufklärungsdenkens und seiner
Ordnungssysteme.
Gegen deren Repressionen wiederum wehrte sich das mit
der Aufklärung aus seinem langen Schlaf erwachte Subjekt. Aber es
verkannte in seinem Unabhängigkeitsstreben die produktive Seite der
(strukturierenden) Macht, und daß es seine Existenz erst dem Wirken
dieser Macht verdankt. Und so fragt Michel Foucault nur all-zu berechtigt:
»Wenn sie nur repressiv wäre, […] glauben Sie dann wirklich,
daß man ihr ge-horchen würde? Der Grund dafür, daß
die Macht herrscht, daß man sie akzeptiert, liegt ganz einfach darin,
daß sie nicht nur als neinsagende Gewalt auf uns lastet, sondern
in Wirklichkeit die Körper durchdringt […] Lust verursacht, Wissen
hervorbringt, Diskurse pro-duziert […] und nicht so sehr als eine negative
Instanz, deren Funktion in Unterdrückung be-steht.« (Wahrheit
und Macht; S. 35). »Man muß [deshalb] aufhören, die Wirkungen
der Macht immer negativ zu beschreiben, als ob sie nur ›ausschließen‹,
›unterdrücken‹, ›verdrängen‹, ›zensieren‹, ›abstrahieren‹, ›maskieren‹,
›verschleiern‹ würde. In Wirklichkeit ist die Macht produktiv; und
sie produziert Wirkliches.« (Überwachen und Strafen; S. 250)
Macht ist also, wie Foucault hier aufweist, nicht nur
einschränkend, sondern muß als positive Kraft verstanden werden.
Und sie muß zugleich als ein Phänomen gesehen werden, das ausnahmslos
alle Beziehungen durchdringt. Denn Macht ist unlös-bar in das Sein
verwoben. Das Wirken der Macht kann - als Bedingung ebendieses Seins -
nicht verhindert werden. Es hat deshalb keinen Zweck gegen die Macht Sturm
zu laufen. Die Macht muß akzeptiert und positiv angenommen werden.
Nur so können ihre »gewaltigen«, unerschöpflichen
Potentiale genutzt werden.
Denn bekämpft man die Macht oder ignoriert sie,
wird man von ihr verschlungen und zermalmt. Wer die Macht negiert, stellt
sich gegen die (machtvolle) Ordnung des Seins. Schon das bloße (Über-)Leben
erfordert es deshalb, daß Macht begriffen und ergriffen wird. Die
Macht der Macht läßt uns also keine Wahl: Entweder wir wählen
die Macht oder wir wäh-len den Untergang. Das ist die »totalitäre«
und destruktive Seite der Macht, die hier nicht verschwiegen werden soll.
Wer aber die Macht wählt und begreift, der kann
ihre Freiheitsräume nutzen. Schaffen wir (uns) also Macht, indem wir
sie anerkennen! Macht ist lustvoll. In der Macht kulminiert sich die (sexuelle)
Energie des Daseins. Macht ist Erfüllung. Wer Macht hat, der hat das
Höchste erreicht. Wer Macht hat, der hat alles. Neben der Macht gibt
es nichts, was ihr gleich käme. Macht ist Macht. Finden wir Frieden
in ihr!
Anil Jain
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