zeitschrift der historiker und 
politologen der uni münchen 
 no.7 wintersemester 1998
 
Volksbildung oder Indoktrination?
Das Deutsche Museum vor, während und nach dem Nationalsozialismus 
 
 
 
 
»Das Deutsche Museum [...] muß in erster Linie allen Parteien im eigenen Lande mit absoluter Unparteilichkeit gegenüberstehen.« Diesem Prinzip blieb das Deutsche Museum seit seiner Gründung 1903 stets treu. So wu-rde beispielsweise 1926 der Vorschlag von Vorstandsratmitglied Paul Reusch, vor dem Deutschen Museum ein Bismarck-Denkmal zu errichten, mit einem Verweis auf die politische Neutralität der Institution abgelehnt. Nach der Machtergreifung 1933 konnte von Unparteil-ichkeit jedoch keine Rede mehr sein. Noch heute erinnern die auf Initiative eines Vertrauten Hitlers an den Gebäudeecken angebrachten und mit Hakenkreuzen versehenen Reichsadler an das nationalsozialistische Hoheitszeichen, das für Kraft, Willensstärke und Erhabenheit steht. Zwar wurden nach dem Krieg die Ha-kenkreuze entfernt, nicht jedoch die Adler selbst. Dafür genügte die Begründung, daß das Anbringen der Adler angeblich schon vor dem Dritten Reich geplant war. Diese sollten von nun an den geistigen Flug der Naturwissenschaften und der Technik versinnbildlichen.

Gründungsmitglied Oskar von Miller nahm bis 1933 eine dominierende Stellung im Vorstand ein, der bis zur Neustrukturierung durch die NSDAP aus drei Mitgliedern bestand. Der Einfluß der beiden anderen Gremien Vor-standsrat und Ausschuß war eher gering. Da die Finanzierung des Deutschen Museums neben öffentlichen Geldern vor allem über Spenden und Stiftungen erfolgte, waren diese Organe lediglich insofern wichtig, als sie Persönlichkeiten in einflußreichen geselllschaftlichen Stellungen an das Museum banden. 

Millers Ausstellungskonzeption: Erziehung zur Ehrfurcht

Die Museumskonzeption hingegen ging in erster Linie auf Miller zurück, der die Vorstel-lungen der Volksbildungsbewegung (VVB), die sich schon im 19. Jahrhundert um die Muse-umsdidaktik und -pädagogik verdient gemacht hatte, eher unberücksichtigt ließ. Die Bewe-gung spielte vor allem bei der Integration der Arbeiterschaft eine Rolle, der sie mit dem Kon-zept der Wissensvermittlung durch  Wissen-schaftspopularisierung Zugang zu den Wissen-schaften verschaffen wollte. Doch Miller unterschied Gebildete von Ungebildeten in einem Konzept mit starker autoritärer erzieherischer Note.
Konkret verfolgte die Ausstellungskonzeption vor allem das Ziel, durch Betonung der Mei-sterwerke der Bildungselite die gewöhnlichen Bürger und Arbeiter zu Ehrfurcht und Gehor-sam zu erziehen. Chronologisch geordnete und leicht aktualisierbare Entwicklungsreihen veranschaulichten historische Entwicklung und Fort-schritt der naturwissenschaftlichen Forschung, der Technik und der Industrie. Dieses internalistische Prinzip wurde einem externalistischen vorgezogen, das die wechselseitigen Einflüsse von Naturwissenschaften und Technik auf der einen, und Politik, Gesellschaft und Kultur auf der anderen Seite betont hätte. Diese Ent-scheidung dürfte sich weniger durch technische Schwierigkeiten der Umsetzung erklären als vielmehr durch die Intention der Verant-wortlichen, die vermeiden wollten, daß die Ver-treter der Technik als Protagonisten eines wirtschaftlichen Utilitarismus und als Triebfedern sozialer Umwälzungen erkannt werden. Vorran-gige Ziele waren die Belehrung des Volkes und seine Erziehung zu Ehrfurcht und Respekt vor wissenschaftlichen Autoritäten, ja, vor Autori-täten im allgemeinen. In diesem Zusammen-hang ist auch die ausgeprägte Zusammenar-beit des Museums mit Schulen zu erklären.
Der erzieherische Gedanke kam den National-sozialisten äußerst gelegen, sie übersteigerten ihn bis hin zur Indoktrination. Denn die stets von Miller betonte unpolitische Grundhaltung des Museums und die streng internalistische Ausstellungskonzeption waren mit den totalitären und rassistischen Grundzügen des Nationalsozialismus nicht mehr vereinbar.
Die nationalsozialistische Durchdringung vollzog sich vor allem auf personeller Ebene. Da-bei war die administrative Zuständigkeit seit 1933 unklar: Sowohl das Ministerium für Wis-senschaft, Erziehung und Volksbildung als auch das Ministerium für Volksaufklärung und Pro-paganda fühlten sich für die Belange des Deu-tschen Museums zuständig. Die guten Bezieh-ungen Hugo Bruckmanns zur Regierungselite waren für Miller, der 1933 aufgrund gesundheitlicher Gründe aus dem Vorstand ausschied, bei der Selektion dieses Nachfolgers entscheidend. In den auf fünf Personen erweiterten Vorstand wurde auch Fritz Todt, der damalige Leiter des »Nationalsozialistischen Bundes deutscher Techniker«, aufgenommen.

Nationalsozialistische Museumsdidaktik: Archaismus und Moderne

Auch die beiden anderen Gremien blieben von politisch motivierten Veränderungen nicht verschont. Schließlich griff der nationalsozialistische Einfluß sogar auf museumseigene Ein-richtungen über: Der Bibliothek fehlten zunehmend ausländische Zeitschriften und Literatur. Immerhin konnte die Forderung, den Kongreßsaal auch für technische Vorträge mit klarer politischen Prägung zu nutzen, abgewandt werden. Der Vorstoß Todts, im Sinne der Nationalsozialisten einen Gegenwartsbezug zu wahren, wurde jedoch angenommen. Eben-so einigte man sich auf Sonderausstel-lungen, das Einschieben neuer Exponate und die Er-neuerung bestimmter Abteilungen, z.B. der für Kraftfahrzeugwesen.
Die Museumsdidaktik wurde besonders durch den Gegensatz von Archaismus und Moderne geprägt. Das fällt unter anderem bei der Raum-gestaltung auf, bei der bevorzugt weite, sachlich und damit »modern« wirkende Räume mit archaischen Elementen wie Säulen und Fahnen durchsetzt wurden. Ein anderes Beispiel ist die 1938 neu eingerichtete Abteilung Straßenbau. Sie orientierte sich an der Ausstellung Die Straße von 1934, die einer harmonischen Ver-bindung von Natur und Technik anhand von Landschafts- und Straßenphotographie Re-chnung tragen sollte. Natürlich standen die Reichsautobahnen im Mittelpunkt der neuen Abteilung. Das sonst so typische Element der Entwicklungsreihen wurde zugunsten einer konkreten und propagandistischen Darstellung von Hitlers großangelegten Straßenbaumaß-nahmen unter Einbeziehung politischer, wirtschaftlicher und kultureller Aspekten vernachlässigt.
Ein besonderes Interesse an neuen, praxisbezogenen Techniken im Bereich der angewandten Physik manifestierte sich in Funk- und Filmausstellungen (1933, 1937) und in Film-vorführungen. Bei letzteren ist eine ideologische Beeinflussung insofern erkennbar, als nach Kriegsausbruch hauptsächlich Filme zur Kriegstechnik gezeigt wurden.

Der ewige Jude - Eine antisemitische Hetzkampagne

Generell ist auf den ersten Blick nicht leicht auszumachen, inwieweit sich das Deutsche Museum anpaßte, und inwieweit es sich selbst nur treu blieb: Einerseits verwirklichten seine Protagonisten das Ziel, die Tradition der Ent-wicklungsreihen bis in die Gegenwart hinein fortzusetzen, andererseits bedienten sie sich mit Rundfunk und Film wichtigen Propaganda-mitteln der NSDAP.
Der Nationalsozialismus wirkte schließlich auch auf Schauen und Ausstellungen ein. So wurde 1935 bei der Sonderschau Neue Werkstoffe - Neue Wege endgültig darauf verzichtet, Natur-wissenschaft und Technik historisch darzustellen. Stattdessen wurde das nationalsozialistische Ziel, wirtschaftlich autark zu werden, hervorgehoben.
Als völlige Abkehr von traditionellen Werten ist die antisemitische Hetzkampagne bei der Gast-Ausstellung Der ewige Jude von 1937/38 zu beurteilen. Sie wurde von der Gauleitung München-Oberbayern organisiert und in zwanzig Sälen des Bibliotheksgebäudes untergebracht. Rassisch begründet und pseudo-wissenschaftlich verkleidet wurden in ihr die »rassischen« und religiösen Grundlagen des Judentums, seine Geschichte von der Antike bis zur Neuzeit, der »verderbliche« jüdische Einfluß auf Wissenschaft, Wirtschaft und Kul-tur, der angebliche Zusammenhang von Juden-tum und Bolschewismus und die »Befreiung« von den Juden durch die Nürnberger Rasse-gesetze geschildert.

Kein umfassender Neubeginn nach dem Krieg

Bei Luftangriffen 1944 auf München wurde am Deutschen Museum ein Gesamtschaden von circa sieben Millionen DM angerichtet, etwa ein Fünftel der Museumsstücke ging verloren. Dem Wiederaufbau ab 1949 folgte jedoch kein um-fassender museumspolitischer Neubeginn. Was die Entnazifizierung anbelangt, kam es zu keinen einschneidenden Veränderungen in den verschiedenen Hierarchieebenen. So wurde ein Mann namens Dr. Johannes Hess, während des Krieges Geschäftsführer einer elektrochemischen Firma in München, außerdem Wehr-wirtschaftsführer während des Krieges, wieder in den Vorstand gewählt. Obwohl vier von acht leitenden Angestellten und Beamten als belastet galten, wurde nur einer verurteilt und daraufhin entlassen. Die anderen blieben nicht zuletzt deswegen, weil sie sich gegenseitig Rückendeckung gaben. 
Lediglich in der Geschäftsordnung lassen sich Änderungen ausmachen. Um den Vorstand überschaubarer und leichter kontrollierbar zu machen, wurde jedem Mitglied ein spezieller Aufgabenkreis zugeteilt. Mit der Umstrukturier-ung ging auch eine Demokratisierung einher, die sich in der Erweiterung der Mitbestim-mungsrechte der anderen Gremien manifestierte. Der rechtliche Status des Deutschen Muse-ums wurde von einer deutschen Nationalan-stalt, die sich finanziell behaupten mußte, in eine Institution des öffentlichen Rechts ohne Erwerbszweck geändert. Dies bedeutete vor allem, daß Firmen und Privatpersonen nun die Möglichkeit hatten, Beiträge und Spenden steuerlich abzusetzen. Diese Maßnahme war besonders notwendig, um den Wiederaufbau zu finanzieren. 
Die Aufbauarbeiten endeten erst im Jahre 1963. Die Kosten beliefen sich insgesamt auf 26 Millionen DM. Die Sammlungen wurden neuen Entwicklungen angepaßt und dementsprechend erweitert. So wandte man sich etwa der Kerntechnik und der Informationsverarbei-tung zu. Größtes Augenmerk zog die Stark-stromabteilung auf sich, die in einer der wichtigsten Hallen des Museums eingerichtet wur-de. Die Einrichtung des Ehrensaales läßt eine Rückbesinnung auf die museumspädogischen Prinzipien vor dem Krieg erkennen: Durch Büsten und Plaketten werden heute dort die deutschen Pioniere der Naturwissenschaften und der Technik geehrt.

Zusammenfassend bleibt festzustellen, daß politische, gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen auch an den Naturwissen-schaften und der Technik nicht vorübergingen. Die Ausstellungskonzeptionen des Deutschen Museums drückten stets den Zeitgeist aus. Gründungsgeist Oskar Miller verfolgte den Ehrfurchts- und Autoritätsgedanken, der vor allem in der wilhelminischen Zeit durchaus dem staatsbürgerlichen Erziehungsideal entsprach. Daß dieser auch in der Weimarer Republik bestehen blieb, ist letztlich der unangefochtenen Vormachtstellung der alten Autoritäten zu verdanken. 
Im Nationalsozialismus konnten sich Millers Vorstellungen nicht mehr durchsetzen, das Deutsche Museum wurde zunehmend für propagandistische Zwecke mißbraucht: Auch hier hielten die Nationalsozialisten Einzug. Nach dem Krieg paßten sich die Strukturen und Konzepte allmählich dem neuen System an, das im Zuge der Demokratisierung einen sachlich-nüchternen Darstellungsstil bevorzugte.

Die Informationen basieren auf zwei Magisterarbeiten der LMU München 1998: 
Karen Siebert, Zwischen Anpassung und Verweigerung: Das Deutsche Museum und der Nationalsozialismus
Rudolf Schilcher, Der Wiederaufbau des Deutschen Museums von 1944/45, zum Beginn der 60er Jahre.

Michael Glaß

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Auszug aus einem Brief des Vorstandsmitglieds Hugo Bruckmann an den Gauleiter Adolf Wagner:

»Hochverehrter Herr Staatsminister!
Das Sie schon einmal die Güte hatten, Ihren massgebenden Ein-fluss für den Ausbau des Deu-tschen Museums einzusetzen, er-lauben wir uns neuerdings, uns an Sie mit nachstehendem Vorschlag zu wenden.
Für die Bekrönung des erhöhten mittleren Hauptkörpers vom Kongreßsaalbau des Deutschen Museums schlägt Herr Geheimrat Bestelmeyer eine Lösung vor, welche weithin sichtbar an allen vier Ecken die Hoheitszeichen der Partei als kupfergetriebene Em-bleme tragen soll.
Der Führer hat für das Stadion in Nürnberg durch den Bildhauer, Herrn Kurt Schmid-Ehmen, solche Embleme ausführen lassen, die in ihrer rassigen Lösung Kraft, Wil-lensstärke und Erhabenheit versinnbildlichen[...]«