| »Das Deutsche Museum [...] muß in erster
Linie allen Parteien im eigenen Lande mit absoluter Unparteilichkeit gegenüberstehen.«
Diesem Prinzip blieb das Deutsche Museum seit seiner Gründung 1903
stets treu. So wu-rde beispielsweise 1926 der Vorschlag von Vorstandsratmitglied
Paul Reusch, vor dem Deutschen Museum ein Bismarck-Denkmal zu errichten,
mit einem Verweis auf die politische Neutralität der Institution abgelehnt.
Nach der Machtergreifung 1933 konnte von Unparteil-ichkeit jedoch keine
Rede mehr sein. Noch heute erinnern die auf Initiative eines Vertrauten
Hitlers an den Gebäudeecken angebrachten und mit Hakenkreuzen versehenen
Reichsadler an das nationalsozialistische Hoheitszeichen, das für
Kraft, Willensstärke und Erhabenheit steht. Zwar wurden nach dem Krieg
die Ha-kenkreuze entfernt, nicht jedoch die Adler selbst. Dafür genügte
die Begründung, daß das Anbringen der Adler angeblich schon
vor dem Dritten Reich geplant war. Diese sollten von nun an den geistigen
Flug der Naturwissenschaften und der Technik versinnbildlichen.
Gründungsmitglied Oskar von Miller nahm bis 1933
eine dominierende Stellung im Vorstand ein, der bis zur Neustrukturierung
durch die NSDAP aus drei Mitgliedern bestand. Der Einfluß der beiden
anderen Gremien Vor-standsrat und Ausschuß war eher gering. Da die
Finanzierung des Deutschen Museums neben öffentlichen Geldern vor
allem über Spenden und Stiftungen erfolgte, waren diese Organe lediglich
insofern wichtig, als sie Persönlichkeiten in einflußreichen
geselllschaftlichen Stellungen an das Museum banden.
Millers Ausstellungskonzeption: Erziehung zur Ehrfurcht
Die Museumskonzeption hingegen ging in erster Linie auf
Miller zurück, der die Vorstel-lungen der Volksbildungsbewegung (VVB),
die sich schon im 19. Jahrhundert um die Muse-umsdidaktik und -pädagogik
verdient gemacht hatte, eher unberücksichtigt ließ. Die Bewe-gung
spielte vor allem bei der Integration der Arbeiterschaft eine Rolle, der
sie mit dem Kon-zept der Wissensvermittlung durch Wissen-schaftspopularisierung
Zugang zu den Wissen-schaften verschaffen wollte. Doch Miller unterschied
Gebildete von Ungebildeten in einem Konzept mit starker autoritärer
erzieherischer Note.
Konkret verfolgte die Ausstellungskonzeption vor allem
das Ziel, durch Betonung der Mei-sterwerke der Bildungselite die gewöhnlichen
Bürger und Arbeiter zu Ehrfurcht und Gehor-sam zu erziehen. Chronologisch
geordnete und leicht aktualisierbare Entwicklungsreihen veranschaulichten
historische Entwicklung und Fort-schritt der naturwissenschaftlichen Forschung,
der Technik und der Industrie. Dieses internalistische Prinzip wurde einem
externalistischen vorgezogen, das die wechselseitigen Einflüsse von
Naturwissenschaften und Technik auf der einen, und Politik, Gesellschaft
und Kultur auf der anderen Seite betont hätte. Diese Ent-scheidung
dürfte sich weniger durch technische Schwierigkeiten der Umsetzung
erklären als vielmehr durch die Intention der Verant-wortlichen, die
vermeiden wollten, daß die Ver-treter der Technik als Protagonisten
eines wirtschaftlichen Utilitarismus und als Triebfedern sozialer Umwälzungen
erkannt werden. Vorran-gige Ziele waren die Belehrung des Volkes und seine
Erziehung zu Ehrfurcht und Respekt vor wissenschaftlichen Autoritäten,
ja, vor Autori-täten im allgemeinen. In diesem Zusammen-hang ist auch
die ausgeprägte Zusammenar-beit des Museums mit Schulen zu erklären.
Der erzieherische Gedanke kam den National-sozialisten
äußerst gelegen, sie übersteigerten ihn bis hin zur Indoktrination.
Denn die stets von Miller betonte unpolitische Grundhaltung des Museums
und die streng internalistische Ausstellungskonzeption waren mit den totalitären
und rassistischen Grundzügen des Nationalsozialismus nicht mehr vereinbar.
Die nationalsozialistische Durchdringung vollzog sich
vor allem auf personeller Ebene. Da-bei war die administrative Zuständigkeit
seit 1933 unklar: Sowohl das Ministerium für Wis-senschaft, Erziehung
und Volksbildung als auch das Ministerium für Volksaufklärung
und Pro-paganda fühlten sich für die Belange des Deu-tschen Museums
zuständig. Die guten Bezieh-ungen Hugo Bruckmanns zur Regierungselite
waren für Miller, der 1933 aufgrund gesundheitlicher Gründe aus
dem Vorstand ausschied, bei der Selektion dieses Nachfolgers entscheidend.
In den auf fünf Personen erweiterten Vorstand wurde auch Fritz Todt,
der damalige Leiter des »Nationalsozialistischen Bundes deutscher
Techniker«, aufgenommen.
Nationalsozialistische Museumsdidaktik: Archaismus und
Moderne
Auch die beiden anderen Gremien blieben von politisch
motivierten Veränderungen nicht verschont. Schließlich griff
der nationalsozialistische Einfluß sogar auf museumseigene Ein-richtungen
über: Der Bibliothek fehlten zunehmend ausländische Zeitschriften
und Literatur. Immerhin konnte die Forderung, den Kongreßsaal auch
für technische Vorträge mit klarer politischen Prägung zu
nutzen, abgewandt werden. Der Vorstoß Todts, im Sinne der Nationalsozialisten
einen Gegenwartsbezug zu wahren, wurde jedoch angenommen. Eben-so einigte
man sich auf Sonderausstel-lungen, das Einschieben neuer Exponate und die
Er-neuerung bestimmter Abteilungen, z.B. der für Kraftfahrzeugwesen.
Die Museumsdidaktik wurde besonders durch den Gegensatz
von Archaismus und Moderne geprägt. Das fällt unter anderem bei
der Raum-gestaltung auf, bei der bevorzugt weite, sachlich und damit »modern«
wirkende Räume mit archaischen Elementen wie Säulen und Fahnen
durchsetzt wurden. Ein anderes Beispiel ist die 1938 neu eingerichtete
Abteilung Straßenbau. Sie orientierte sich an der Ausstellung Die
Straße von 1934, die einer harmonischen Ver-bindung von Natur und
Technik anhand von Landschafts- und Straßenphotographie Re-chnung
tragen sollte. Natürlich standen die Reichsautobahnen im Mittelpunkt
der neuen Abteilung. Das sonst so typische Element der Entwicklungsreihen
wurde zugunsten einer konkreten und propagandistischen Darstellung von
Hitlers großangelegten Straßenbaumaß-nahmen unter Einbeziehung
politischer, wirtschaftlicher und kultureller Aspekten vernachlässigt.
Ein besonderes Interesse an neuen, praxisbezogenen Techniken
im Bereich der angewandten Physik manifestierte sich in Funk- und Filmausstellungen
(1933, 1937) und in Film-vorführungen. Bei letzteren ist eine ideologische
Beeinflussung insofern erkennbar, als nach Kriegsausbruch hauptsächlich
Filme zur Kriegstechnik gezeigt wurden.
Der ewige Jude - Eine antisemitische Hetzkampagne
Generell ist auf den ersten Blick nicht leicht auszumachen,
inwieweit sich das Deutsche Museum anpaßte, und inwieweit es sich
selbst nur treu blieb: Einerseits verwirklichten seine Protagonisten das
Ziel, die Tradition der Ent-wicklungsreihen bis in die Gegenwart hinein
fortzusetzen, andererseits bedienten sie sich mit Rundfunk und Film wichtigen
Propaganda-mitteln der NSDAP.
Der Nationalsozialismus wirkte schließlich auch
auf Schauen und Ausstellungen ein. So wurde 1935 bei der Sonderschau Neue
Werkstoffe - Neue Wege endgültig darauf verzichtet, Natur-wissenschaft
und Technik historisch darzustellen. Stattdessen wurde das nationalsozialistische
Ziel, wirtschaftlich autark zu werden, hervorgehoben.
Als völlige Abkehr von traditionellen Werten ist
die antisemitische Hetzkampagne bei der Gast-Ausstellung Der ewige Jude
von 1937/38 zu beurteilen. Sie wurde von der Gauleitung München-Oberbayern
organisiert und in zwanzig Sälen des Bibliotheksgebäudes untergebracht.
Rassisch begründet und pseudo-wissenschaftlich verkleidet wurden in
ihr die »rassischen« und religiösen Grundlagen des Judentums,
seine Geschichte von der Antike bis zur Neuzeit, der »verderbliche«
jüdische Einfluß auf Wissenschaft, Wirtschaft und Kul-tur, der
angebliche Zusammenhang von Juden-tum und Bolschewismus und die »Befreiung«
von den Juden durch die Nürnberger Rasse-gesetze geschildert.
Kein umfassender Neubeginn nach dem Krieg
Bei Luftangriffen 1944 auf München wurde am Deutschen
Museum ein Gesamtschaden von circa sieben Millionen DM angerichtet, etwa
ein Fünftel der Museumsstücke ging verloren. Dem Wiederaufbau
ab 1949 folgte jedoch kein um-fassender museumspolitischer Neubeginn. Was
die Entnazifizierung anbelangt, kam es zu keinen einschneidenden Veränderungen
in den verschiedenen Hierarchieebenen. So wurde ein Mann namens Dr. Johannes
Hess, während des Krieges Geschäftsführer einer elektrochemischen
Firma in München, außerdem Wehr-wirtschaftsführer während
des Krieges, wieder in den Vorstand gewählt. Obwohl vier von acht
leitenden Angestellten und Beamten als belastet galten, wurde nur einer
verurteilt und daraufhin entlassen. Die anderen blieben nicht zuletzt deswegen,
weil sie sich gegenseitig Rückendeckung gaben.
Lediglich in der Geschäftsordnung lassen sich Änderungen
ausmachen. Um den Vorstand überschaubarer und leichter kontrollierbar
zu machen, wurde jedem Mitglied ein spezieller Aufgabenkreis zugeteilt.
Mit der Umstrukturier-ung ging auch eine Demokratisierung einher, die sich
in der Erweiterung der Mitbestim-mungsrechte der anderen Gremien manifestierte.
Der rechtliche Status des Deutschen Muse-ums wurde von einer deutschen
Nationalan-stalt, die sich finanziell behaupten mußte, in eine Institution
des öffentlichen Rechts ohne Erwerbszweck geändert. Dies bedeutete
vor allem, daß Firmen und Privatpersonen nun die Möglichkeit
hatten, Beiträge und Spenden steuerlich abzusetzen. Diese Maßnahme
war besonders notwendig, um den Wiederaufbau zu finanzieren.
Die Aufbauarbeiten endeten erst im Jahre 1963. Die Kosten
beliefen sich insgesamt auf 26 Millionen DM. Die Sammlungen wurden neuen
Entwicklungen angepaßt und dementsprechend erweitert. So wandte man
sich etwa der Kerntechnik und der Informationsverarbei-tung zu. Größtes
Augenmerk zog die Stark-stromabteilung auf sich, die in einer der wichtigsten
Hallen des Museums eingerichtet wur-de. Die Einrichtung des Ehrensaales
läßt eine Rückbesinnung auf die museumspädogischen
Prinzipien vor dem Krieg erkennen: Durch Büsten und Plaketten werden
heute dort die deutschen Pioniere der Naturwissenschaften und der Technik
geehrt.
Zusammenfassend bleibt festzustellen, daß politische,
gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen auch an den Naturwissen-schaften
und der Technik nicht vorübergingen. Die Ausstellungskonzeptionen
des Deutschen Museums drückten stets den Zeitgeist aus. Gründungsgeist
Oskar Miller verfolgte den Ehrfurchts- und Autoritätsgedanken, der
vor allem in der wilhelminischen Zeit durchaus dem staatsbürgerlichen
Erziehungsideal entsprach. Daß dieser auch in der Weimarer Republik
bestehen blieb, ist letztlich der unangefochtenen Vormachtstellung der
alten Autoritäten zu verdanken.
Im Nationalsozialismus konnten sich Millers Vorstellungen
nicht mehr durchsetzen, das Deutsche Museum wurde zunehmend für propagandistische
Zwecke mißbraucht: Auch hier hielten die Nationalsozialisten Einzug.
Nach dem Krieg paßten sich die Strukturen und Konzepte allmählich
dem neuen System an, das im Zuge der Demokratisierung einen sachlich-nüchternen
Darstellungsstil bevorzugte.
Die Informationen basieren auf zwei Magisterarbeiten der
LMU München 1998:
Karen Siebert, Zwischen Anpassung und Verweigerung: Das
Deutsche Museum und der Nationalsozialismus
Rudolf Schilcher, Der Wiederaufbau des Deutschen Museums
von 1944/45, zum Beginn der 60er Jahre.
Michael Glaß
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Auszug aus einem Brief des Vorstandsmitglieds Hugo Bruckmann an den
Gauleiter Adolf Wagner:
»Hochverehrter Herr Staatsminister!
Das Sie schon einmal die Güte hatten, Ihren massgebenden Ein-fluss
für den Ausbau des Deu-tschen Museums einzusetzen, er-lauben wir uns
neuerdings, uns an Sie mit nachstehendem Vorschlag zu wenden.
Für die Bekrönung des erhöhten mittleren Hauptkörpers
vom Kongreßsaalbau des Deutschen Museums schlägt Herr Geheimrat
Bestelmeyer eine Lösung vor, welche weithin sichtbar an allen vier
Ecken die Hoheitszeichen der Partei als kupfergetriebene Em-bleme tragen
soll.
Der Führer hat für das Stadion in Nürnberg durch den
Bildhauer, Herrn Kurt Schmid-Ehmen, solche Embleme ausführen lassen,
die in ihrer rassigen Lösung Kraft, Wil-lensstärke und Erhabenheit
versinnbildlichen[...]«
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