Die Personen:
Klein aus N. Y. / Megill aus L. A. / ein Freund aus Europa
Der Europäer: Freunde, eine Frage: Wer hat sich denn
eure Verfassung ausgedacht?
Klein: Gott. Das kannste ja schon auf unseren Dollarscheinen
lesen. Wobei eines nicht ganz klar ist, ob es nun Jahwe oder ein anderer
Gott war. Megill meint, es sei eher der christliche Gott gewesen, oder
Meg’?
Megill: Denk schon.
Der Europäer: Du meinst also, daß Benjamin
Franklin, wie Mose, nach dem Gebet zu Gott, die Idee hatte für eure
Gesetzgebung?
Klein: Ja, er und Thomas Jefferson. Jefferson war überhaupt
ein kluger Kopf. Beide, er und Franklin, kannten sich ziemlich gut im Recht
aus und hatten schon damals als Anwälte ‘nen Namen. Na und die Verfassung
hält bis heute.
Der Europäer: Das stimmt und da kann man auch stolz
darauf sein. Ein’s würd’ mich aber schon noch interessieren. Ich mein’,
ihr seid ja beide hier in den USA aufgewachsen, mit dieser Verfassung,
ja und ich würd’ gern mehr darüber wissen. Wir sind ja auf’m
Weg zur Wall Street und Gott sei Dank, gehen wir auf der Schattenseite
bei der Hitze und kommen ja auch an einigen Cafés vorbei und da
können wir ja in aller Ruhe und Gemütlichkeit drüber reden,
mal abgesehen vom Straßenlärm.
Klein: Klar. Das ist das Schöne an Manhattan Island
im Spätsommer, die hohen Wolkenkratzer, die ihre Schatten werfen und
die vielen Cafés mit ihrer Air Conditioning.
Der Europäer: Das mein ich auch.
Klein: Sicher, und du wirst beeindruckt sein, wie angenehm
schnell wir zu unserem Ziel kommen.
Der Europäer: Glaub ich auch. Aber sag mal, warum
steht auf euren Geldscheinen über den Wert „In God we trust“, auf
der linken Seite unter der Pyramide „annuit coeptis novus ordo saeclorum“
und auf der rechten unter dem Adler „de pluribus unum“?
Klein: Also das ist ganz einfach: Du weißt ja,
wie die USA entstanden sind. Da gab es zum einen die Probleme mit dem englischen
Königshaus und ihrer Ausbeuterstrategie gegenüber den Kolonien
und zum anderen die immensen Probleme der Siedler, sich in diesem wilden,
weiten Land eine neue Existenz aufzubauen - und das bei ständiger
Bedrohung durch die wilden Indianerstämme. Na ja, und das schweißt
zusammen, und Freiheit hieß damals, der Natur, den Indianern wieder
was abgetrotzt zu haben und in Sicherheit leben zu können, und jenes
hart Erkämpfte gegenüber dem englischen König zu verteidigen.
Das war unsere Identität und hielt uns zusammen, und das ist bis heute
unsere Freiheit. Im tagtäglichen Kampf, sich jene Sicherheit, jenen
Wohlstand und damit die Freiheit zu erkämpfen und zu verteidigen.
Das ist in N. Y. genauso wie in L. A. und überall in den USA. Und
Gott gab uns den Wohlstand und mit dem Wohlstand sein Einverständnis,
in das begonnene Werk eine neue Jahrhundertordnung zu errichten, de pluribus
unum, und so mußt du’s auch verstehen.
Der Europäer: He, du stehst ja vollkommen zu eurer
Geschichte und den daraus abgeleiteten Gesetzen, und das ist sehr interessant,
was du da erzählst. Aber sag mal, auf deutsch: Du meinst also, jeder
Staat müßte so eine Verfassung haben wie ihr sie habt, damit
er im Verteidigungsfall sich nicht unterkriegen ließe.
Klein: Allerdings. Oder was meinst du Meg’?
Megill: Ja klar, fällt mir auch nicht mehr dazu
ein.
Der Europäer: Sagt mal, und diese Verteidigungsbereitschaft
bezieht sich nur auf die Verteidigung der USA gegen andere Staaten, dagegen
nicht auf die Verteidigung der Bundesstaaten gegenüber der Macht der
Regierung, und des einzelnen Bürgers gegenüber Bundesstaaten
und Regierung?
Klein: Iwo!
Der Europäer: Also schon?
Klein: Ja, klar.
Der Europäer: Wie? Heißt das auch, daß
jedes Dorf und jeder einzelne dazu bereit sind?
Klein: Genauso ist es. Das ist damit gemeint, wenn es
heißt, jeder ist seines Glückes Schmied und darf darin nicht
behindert werden. Und das macht unsere Wehrhaftigkeit aus, und darin spiegelt
sich die Gunst unseres Gottes von der Wall Street, der große Baal.
Der Europäer: Und das gilt für jeden? Wenn
er versagt, also kein Glück oder keinen Wohlstand genießt, so
hat er verloren und euer Gott hat ihm das Vertrauen entzogen.
Klein: Haargenau. Und ich muß sagen, du hast die
Sache auf den Punkt gebracht. Du machst deinem Ruf als Europäer alle
Ehre. So ist es, jeder kämpft mit sich selbst in seinem Innern und
denselben Kampf führen alle innerhalb der Gesellschaft und nötigenfalls
gegen andere Staaten.
Der Europäer: Aha.
Klein: Ja, lieber Freund, seinen inneren Schweinehund
zu besiegen, ist hier sehr angesehen, und ihm zu unterliegen, gilt als
Schwäche und Schande.
Der Europäer: Letztendlich hängt also die Schwäche
oder Stärke eures Landes davon ab, wie jeder einzelne seinen inneren
Kampf besteht?
Klein: Klar. Der Staat, in dem die Anzahl der Besseren
die der Schlechteren überwiegt, ist stark und gesund und kann mit
Stolz auf sich und seine Bürger blicken.
Der Europäer: Weißt du, ich weiß nicht,
ob überhaupt jemals die Schlechten in ihrer Zahl die Guten überwiegen,
auf jeden Fall ist das eine schwierige Frage, die wir ‘mal beiseite lassen
wollen. Aber eines läßt sich schon aus allem folgern, daß
der Staat, in dem die Schlechten herrschen, ein schlechter ist und der,
in dem die Guten herrschen, folglich auch ein guter.
Klein: So weit hab’ ich’s mir noch gar nicht überlegt,
klingt aber logisch.
Der Europäer: Hm, aber ganz einverstanden bin ich
damit nicht. Denn eure Gesetzgebung läßt damit sowohl einen
guten wie einen schlechten Staat zu. Und ihr seid doch so stolz auf eure
Verfassung!
Klein: Versteh ich jetzt nicht.
Megill: Was willst du damit sagen?
Der Europäer: Na, ich will damit sagen: Daß
es bei einem Staat, der gut sein will, doch darauf ankommt, daß nicht
die Schlechten einmal an die Macht kommen. Und das gilt doch auch für
die Vereinigten Staaten, oder?
Klein: Natürlich.
Der Europäer: Also darf man’s doch nicht darauf
ankommen lassen, wie der innere Kampf von jedem ausgeht, sondern muß
vielmehr dafür sorgen, daß das Gute siegt bzw. daß jeder
seinen inneren Schweinehund überwindet. Und dazu dient doch eine Verfassung,
oder nicht?
Megill: Ja, wahrscheinlich.
Der Europäer: Und wie muß dann so eine Verfassung
aussehen? Sie muß doch eher die Moral fördern und den Frieden
im Auge haben und weniger die ständige Kampfbereitschaft. Sie ist
doch dann mehr an den Ausgleich der Interessen und Aussöhnung orientiert
als an Kämpfen. Schon allein, damit der Staat und seine Bürger
für die Zukunft Bestand haben. Und ein innerer Friede oder die Sorge
darum macht einen Staat nach außen viel stärker. Er kann damit
sich mehr um die ständige Bedrohung von außen kümmern.
Was meint ihr?
Klein: Ok. Aber worauf willst du hinaus?
Megill: Ja, sag’s uns!
Der Europäer: Ok. Ich denke, das Beste für
einen Staat ist nicht eine Verfassung, die Konkurrenz und Neid beim einzelnen
und zwischen den Mitbürgern fördert und sich daran ausrichtet,
sondern so eine, die orientiert ist an Frieden und Wohlwollen. Und ich
denke, ein Staat kann auf Dauer nur existieren, wenn er keine innere Kämpfe
auszutragen hat. Das beste für den Staat ist, von Anfang an und mit
seiner Gesetzgebung dafür zu sorgen, daß es zu jenen inneren
Kämpfen erst gar nicht kommen kann. So kann es für ihn nicht
gut sein, wenn jeder in Gottvertrauen nach seinem Glück sucht, sondern
wenn das Glück des Einzelnen im Glück aller besteht. Besser auf
Gott zu vertrauen, ist somit, eine starke, am inneren Frieden orientierte
Gesetzgebung zu schaffen. Denn besser ist es wohl, Gewalt auszuüben,
um den inneren Frieden aufrechtzuerhalten als umgekehrt.
Bevor der weise Europäer noch zu einem seiner berühmten
Monologe ansetzen kann und uns die Moral von dieser Geschichte serviert,
passiert etwas schier Unglaubliches. Die Bürger der neuen Welt sprechen
ihre Sprache - die Sprache der Revolver:
Klein: You’re fuckin’ european bastard. Take this!
Megill: Shoot him, shoot him.
Klein: Oh man, these Europeans, they’ll never be able
to rule this world.
Megill: Yap, you’re right Klein. These Europeans and
their little thougts.
Klein: All fascists. Let’s go make money to rule this
world.
Megill: Oh, show me the way to the next little dollar...
b. b. (Juli 1944)
*Wir danken Mario Beilhack für die freundliche Genehmigung
zum Abdruck der Übersetzung in dieser hp-Ausgabe. Das amerikanische
Orginal ist in der Großen kommentierten Berliner und Frankfurter
Ausgabe: Berthold Brecht - Sämtliche Werke, Bd. 8, Berlin/Frankfurt
1997, S. 323-325
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