zeitschrift der historiker und 
politologen der uni münchen 
 no.7 wintersemester 1998
 
 Die Gesetze oder das alte Lied von Law and Order
 
Anläßlich des 2397. Todestages des athenischen Philosophen Sokrates veröffentlicht hp zum ersten Mal in deutscher Sprache den folgenden Einakter Bertolt Brechts. Eine Reminiszens an den großen Philosophen im Brechtjahr*. 
 
Die Personen:
Klein aus N. Y. / Megill aus L. A. / ein Freund aus Europa

Der Europäer: Freunde, eine Frage: Wer hat sich denn eure Verfassung ausgedacht?
Klein: Gott. Das kannste ja schon auf unseren Dollarscheinen lesen. Wobei eines nicht ganz klar ist, ob es nun Jahwe oder ein anderer Gott war. Megill meint, es sei eher der christliche Gott gewesen, oder Meg’?
Megill: Denk schon.
Der Europäer: Du meinst also, daß Benjamin Franklin, wie Mose, nach dem Gebet zu Gott, die Idee hatte für eure Gesetzgebung?
Klein: Ja, er und Thomas Jefferson. Jefferson war überhaupt ein kluger Kopf. Beide, er und Franklin, kannten sich ziemlich gut im Recht aus und hatten schon damals als Anwälte ‘nen Namen. Na und die Verfassung hält bis heute.
Der Europäer: Das stimmt und da kann man auch stolz darauf sein. Ein’s würd’ mich aber schon noch interessieren. Ich mein’, ihr seid ja beide hier in den USA aufgewachsen, mit dieser Verfassung, ja und ich würd’ gern mehr darüber wissen. Wir sind ja auf’m Weg zur Wall Street und Gott sei Dank, gehen wir auf der Schattenseite bei der Hitze und kommen ja auch an einigen Cafés vorbei und da können wir ja in aller Ruhe und Gemütlichkeit drüber reden, mal abgesehen vom Straßenlärm.
Klein: Klar. Das ist das Schöne an Manhattan Island im Spätsommer, die hohen Wolkenkratzer, die ihre Schatten werfen und die vielen Cafés mit ihrer Air Conditioning.
Der Europäer: Das mein ich auch.
Klein: Sicher, und du wirst beeindruckt sein, wie angenehm schnell wir zu unserem Ziel kommen.
Der Europäer: Glaub ich auch. Aber sag mal, warum steht auf euren Geldscheinen über den Wert „In God we trust“, auf der linken Seite unter der Pyramide „annuit coeptis novus ordo saeclorum“ und auf der rechten unter dem Adler „de pluribus unum“?
Klein: Also das ist ganz einfach: Du weißt ja, wie die USA entstanden sind. Da gab es zum einen die Probleme mit dem englischen Königshaus und ihrer Ausbeuterstrategie gegenüber den Kolonien und zum anderen die immensen Probleme der Siedler, sich in diesem wilden, weiten Land eine neue Existenz aufzubauen - und das bei ständiger Bedrohung durch die wilden Indianerstämme. Na ja, und das schweißt zusammen, und Freiheit hieß damals, der Natur, den Indianern wieder was abgetrotzt zu haben und in Sicherheit leben zu können, und jenes hart Erkämpfte gegenüber dem englischen König zu verteidigen. Das war unsere Identität und hielt uns zusammen, und das ist bis heute unsere Freiheit. Im tagtäglichen Kampf, sich jene Sicherheit, jenen Wohlstand und damit die Freiheit zu erkämpfen und zu verteidigen. Das ist in N. Y. genauso wie in L. A. und überall in den USA. Und Gott gab uns den Wohlstand und mit dem Wohlstand sein Einverständnis, in das begonnene Werk eine neue Jahrhundertordnung zu errichten, de pluribus unum, und so mußt du’s auch verstehen. 
Der Europäer: He, du stehst ja vollkommen zu eurer Geschichte und den daraus abgeleiteten Gesetzen, und das ist sehr interessant, was du da erzählst. Aber sag mal, auf deutsch: Du meinst also, jeder Staat müßte so eine Verfassung haben wie ihr sie habt, damit er im Verteidigungsfall sich nicht unterkriegen ließe.
Klein: Allerdings. Oder was meinst du Meg’?
Megill: Ja klar, fällt mir auch nicht mehr dazu ein.
Der Europäer: Sagt mal, und diese Verteidigungsbereitschaft bezieht sich nur auf die Verteidigung der USA gegen andere Staaten, dagegen nicht auf die Verteidigung der Bundesstaaten gegenüber der Macht der Regierung, und des einzelnen Bürgers gegenüber Bundesstaaten und Regierung?
Klein: Iwo!
Der Europäer: Also schon?
Klein: Ja, klar.
Der Europäer: Wie? Heißt das auch, daß jedes Dorf und jeder einzelne dazu bereit sind?
Klein: Genauso ist es. Das ist damit gemeint, wenn es heißt, jeder ist seines Glückes Schmied und darf darin nicht behindert werden. Und das macht unsere Wehrhaftigkeit aus, und darin spiegelt sich die Gunst unseres Gottes von der Wall Street, der große Baal.
Der Europäer: Und das gilt für jeden? Wenn er versagt, also kein Glück oder keinen Wohlstand genießt, so hat er verloren und euer Gott hat ihm das Vertrauen entzogen.
Klein: Haargenau. Und ich muß sagen, du hast die Sache auf den Punkt gebracht. Du machst deinem Ruf als Europäer alle Ehre. So ist es, jeder kämpft mit sich selbst in seinem Innern und denselben Kampf führen alle innerhalb der Gesellschaft und nötigenfalls gegen andere Staaten.
Der Europäer: Aha.
Klein: Ja, lieber Freund, seinen inneren Schweinehund zu besiegen, ist hier sehr angesehen, und ihm zu unterliegen, gilt als Schwäche und Schande.
Der Europäer: Letztendlich hängt also die Schwäche oder Stärke eures Landes davon ab, wie jeder einzelne seinen inneren Kampf besteht?
Klein: Klar. Der Staat, in dem die Anzahl der Besseren die der Schlechteren überwiegt, ist stark und gesund und kann mit Stolz auf sich und seine Bürger blicken.
Der Europäer: Weißt du, ich weiß nicht, ob überhaupt jemals die Schlechten in ihrer Zahl die Guten überwiegen, auf jeden Fall ist das eine schwierige Frage, die wir ‘mal beiseite lassen wollen. Aber eines läßt sich schon aus allem folgern, daß der Staat, in dem die Schlechten herrschen, ein schlechter ist und der, in dem die Guten herrschen, folglich auch ein guter. 
Klein: So weit hab’ ich’s mir noch gar nicht überlegt, klingt aber logisch.
Der Europäer: Hm, aber ganz einverstanden bin ich damit nicht. Denn eure Gesetzgebung läßt damit sowohl einen guten wie einen schlechten Staat zu. Und ihr seid doch so stolz auf eure Verfassung!
Klein: Versteh ich jetzt nicht.
Megill: Was willst du damit sagen?
Der Europäer: Na, ich will damit sagen: Daß es bei einem Staat, der gut sein will, doch darauf ankommt, daß nicht die Schlechten einmal an die Macht kommen. Und das gilt doch auch für die Vereinigten Staaten, oder?
Klein: Natürlich.
Der Europäer: Also darf man’s doch nicht darauf ankommen lassen, wie der innere Kampf von jedem ausgeht, sondern muß vielmehr dafür sorgen, daß das Gute siegt bzw. daß jeder seinen inneren Schweinehund überwindet. Und dazu dient doch eine Verfassung, oder nicht? 
Megill: Ja, wahrscheinlich.
Der Europäer: Und wie muß dann so eine Verfassung aussehen? Sie muß doch eher die Moral fördern und den Frieden im Auge haben und weniger die ständige Kampfbereitschaft. Sie ist doch dann mehr an den Ausgleich der Interessen und Aussöhnung orientiert als an Kämpfen. Schon allein, damit der Staat und seine Bürger für die Zukunft Bestand haben. Und ein innerer Friede oder die Sorge darum macht einen Staat nach außen viel stärker. Er kann damit sich mehr um die ständige Bedrohung von außen kümmern. Was meint ihr?
Klein: Ok. Aber worauf willst du hinaus?
Megill: Ja, sag’s uns!
Der Europäer: Ok. Ich denke, das Beste für einen Staat ist nicht eine Verfassung, die Konkurrenz und Neid beim einzelnen und zwischen den Mitbürgern fördert und sich daran ausrichtet, sondern so eine, die orientiert ist an Frieden und Wohlwollen. Und ich denke, ein Staat kann auf Dauer nur existieren, wenn er keine innere Kämpfe auszutragen hat. Das beste für den Staat ist, von Anfang an und mit seiner Gesetzgebung dafür zu sorgen, daß es zu jenen inneren Kämpfen erst gar nicht kommen kann. So kann es für ihn nicht gut sein, wenn jeder in Gottvertrauen nach seinem Glück sucht, sondern wenn das Glück des Einzelnen im Glück aller besteht. Besser auf Gott zu vertrauen, ist somit, eine starke, am inneren Frieden orientierte Gesetzgebung zu schaffen. Denn besser ist es wohl, Gewalt auszuüben, um den inneren Frieden aufrechtzuerhalten als umgekehrt.

Bevor der weise Europäer noch zu einem seiner berühmten Monologe ansetzen kann und uns die Moral von dieser Geschichte serviert, passiert etwas schier Unglaubliches. Die Bürger der neuen Welt sprechen ihre Sprache - die Sprache der Revolver:

Klein: You’re fuckin’ european bastard. Take this!
Megill: Shoot him, shoot him.
Klein: Oh man, these Europeans, they’ll never be able to rule this world.
Megill: Yap, you’re right Klein. These Europeans and their little thougts.
Klein: All fascists. Let’s go make money to rule this world.
Megill: Oh, show me the way to the next little dollar... 

b. b. (Juli 1944)
 

*Wir danken Mario Beilhack für die freundliche Genehmigung zum Abdruck der Übersetzung in dieser hp-Ausgabe. Das amerikanische Orginal ist in der Großen kommentierten Berliner und Frankfurter Ausgabe: Berthold Brecht - Sämtliche Werke, Bd. 8, Berlin/Frankfurt 1997, S. 323-325